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Schlagwort: Bio

Jetzt mit biologisch abbaubarer Atombombe fürs Alter vorsorgen

Die auf meinem Ausweis abgedruckte Wohnanschrift ist schon seit vielen Jahren eine rein theoretische Angabe, denn mein Hauptwohnsitz sind ICE und Hotel. Wenn ich von meinen morgendlichen Laufrunden an Rhein, Main, Isar & Co ins Hotel zurückkehre habe ich um die Stille aus dem einsamen Hotelzimmers zu vertreiben ein Ritual entwickelt: das Morgenmagazin von ARD und ZDF einschalten. Werden dann die aktuellen Sportnachrichten von Annika Zimmermann überbracht, erhellen sich selbst graue Herbsttage.

Kürzlich erreichte mich über diesen öffentlich rechtlichen Einstieg in den Tag die außerordentlich frohe Botschaft, dass es jetzt nachhaltiges Einweggeschirr gäbe. So eine grandiose Nachricht, welche zweifellos die Rettung unseres geschundenen Planeten bedeuteten muss, wurde in Form eines Testberichts aus dem ehemaligen Berliner „Grill-Eldorado“, dem Tierpark, ins morgendliche Deutschland ausgestrahlt. Eine Gruppe junger studentischer Nachhaltigkeitsexperten, hatte sich zum Picknick versammelt um diese neue unter anderem aus Palmenblättern hergestellte Errungenschaft der modernen Menschheit auf Herz und Nieren zu prüfen.

So war zu erleben, wie sich junge urbane Wohlstandsmenschen mit der S-Bahn auf den beschwerlichen Weg von ihrer zentral gelegenen Wohnung in die grüne Lunge der Stadt begaben. Nach fünfzehnminütiger Anreise mit der S-Bahn, ließen sie sich zum Picknick auf dem Rasen nieder. Bei einer gefährlichen und vor allem so anstrengenden Anreise hatte sich das neue, ultraleichte und nur „One-Way“ zu transportierende Einweggeschirr schon erstmalig bewährt. Es wäre ja nicht auszudenken gewesen Mehrweggeschirr und Besteck, egal aus welchem Material, im Picknickkorb hin und danach zurück zu schleppen. Entsprechend euphorisch fiel auch nach kurzem Test die Bewertung der revolutionären Nachhaltigkeits-Produkte aus: 

5 Sterne für Wegwerfbecher und Einwegteller aus Palmenblättern. Selbstredend wurde auch das Plastikbesteck mit 5 Sternen bewertet, weil es neuerdings biologisch abbaubar sei.

Was nicht extra erwähnt wurde und deshalb hole ich es hier nach:

5 Sterne für ein weiter so wie bisher!

5 Sterne für unser grün-gewaschenes Gewissen!

5 Sterne für sinnlose Verschwendung, die nun endlich einen grünen Anstrich erhält!

Fragen nach dem Energieaufwand bei der Produktion von biologisch abbaubarem Einwegbesteck, Fragen nach Transportwegen und dem Zeitraum, bis aus Messer, Gabel und Löffel Blumenerde werden, wurden weder gestellt noch beantwortet. Woher kommen die Palmenblätter für diese angeblich so nachhaltigen Öko-Wunderteller? Wurde vielleicht sogar wertvoller Regenwald gerodet, um die Palmenplantage anzulegen? Und wer beamt dieses Ökomaterial Co2 neutral zu uns nach Deutschland?

Plastik steht auf der gleichen Stufe mit Glyphosat. Plastik ist böse. Wer es nicht pauschal verteufelt, muss selbst des Teufels sein.

Ich gehöre dazu, denn als vor 25 Jahren meine älteste Tochter noch ein kleines Kind war, erwarb ich bei einem bekannten schwedischen Möbelhaus buntes Plastikgeschirr, also aus heutiger Sicht betrachtet, verachtenswertes Teufelszeug. Die bunten Becher und die Teller in Blütenform sowie das dazugehörige Plastikbesteck haben uns all die Jahre immer wieder auf Wanderungen und Picknicks treu gedient. Es wurde nach Gebrauch eingepackt, zu Hause gereinigt und bis zum nächsten Ausflug im Schrank verstaut. Die reichlich vorhandenen Gebrauchsspuren interpretierten wir kurzerhand zum „Vintage Style“ um. Kaum etwas ist unsinniger als Einweggeschirr.

Kürzlich lud „Mister Slowhand“ Eric Clapton zum Konzert in die Berliner Mercedes Benz Arena. Mein bester Freund und ich waren selbstverständlich dem Ruf des großen Meisters gefolgt. Es war ein heißer Sommertag und so genehmigten wir uns kurz vor Konzertbeginn ein kühles Bier. Üblicherweise trinkt man bei derartigen Ereignissen den Gerstensaft und andere Flüssigkeiten aus Mehrwegplastikbechern, auf welche ein Pfand erhoben wird. Nicht so in der Arena, welche den Namen dieser sauberen deutschen Autos trägt. Hier wurde Bier aus Grevenstein in Nordrhein Westfalen in einem Einwegplastikbecher kredenzt. Mein Protest, Bier nicht aus einem solchen „Sinnlos-Becher“ trinken zu wollen, wurde mit drei Worten im Keime erstickt:

Maisstärke! Biologisch! Abbaubar!

Doch wie wird „Bioplastik“ abgebaut? Wie lange dauert das und zu welchen Stoffen „zerfällt“ das grüne „Harry-Potter-Zauber-Plastik“? Die Antwort besudelt unser eben noch grüngewaschenes Gewissen mit einer stinkenden Schlamm-Lawine, denn bei der Zersetzung von Bioplastik entsteht vor allem Co2. Was uns hier als unglaublich fortschrittliche Innovation verkauft wird ist purer Betrug.

Etwa bis in die 30er Jahre des vergangenen Jahrhunderts wurden Kunststoffe fast ausschließlich aus nachwachsenden Rohstoffen hergestellt. Erst seit Ende des Zweiten Weltkriegs nutzt man in der Kunststoffherstellung fossile Rohstoffe wie Erdöl oder Erdgas. Die heutigen biobasierten Kunststoffe werden wie schon vorm Krieg aus Stärke hergestelllt. Diese wird aus Mais und Kartoffeln gewonnen.

Der urbane Wohlstandsmensch kann es sich kaum vorstellen, aber dafür braucht es zusätzliche Ackerflächen, diese müssen mit Technik wie zum Beispiel dieselfressenden Traktoren bewirtschaftet werden. Der Mais wurde mit großer Sicherheit gentechnisch verändert und damit alles schön schnell und von Unkraut unbehelligt wächst, kommt jede Menge böses Glyphosat zum Einsatz.

Sogenannte Bioplastik ist also nicht mehr als eine wunderbare Mogelpackung mit der sich der oberflächliche Wohlstandskonsument sein Gewissen in eine Bio-Gewissen umdekorieren darf. Bei der Kompostierung zerfallen viele biologisch abbaubare Kunststoffe nur unter den definierten Bedingungen von industriellen Kompostierungsanlagen, welche für diese Prozesse selbstverständlich auch wieder Energie verbrauchen. 

Im besten Fall wird so nach zwei Jahren aus Bioplastik Co2 und ein bisschen Wasser. Wer das grüne Wunderplastik auf seinen Komposthaufen wirft, braucht Geduld, da hier andere Feuchte- und Temperaturbedingungen herrschen und sie sich hier gar nicht oder nur mit einer deutlich längeren Zerfallszeit zersetzen. Es ist in der Natur so ziemlich alles “biologisch” abbaubar, es ist nur eine Frage der Zeit. Zum Beispiel Jod-131 hat eine Halbwertszeit von acht Tagen. Plutonium-239 zerfällt in 24.390 Jahren und bei Uran-235 dauert es etwas länger, nämlich so um die 4,47 Milliarden Jahre.

“Unabbaubar” scheint nur die Dummheit des mordernen, der Natur entfremdeten Wohlstandsmenschen zu sein. Wer sich also Bioplastik oder andere sogennante nachhaltige Verpackungsmaterialien bereitwillig als einfache Lösung zur Klima- und Umweltrettung unterjubeln lässt, kann auch mit biologisch abbaubaren Atombomben fürs Alter vorsorgen.

Nachdem die US-Amerikanische Bomberbesatzung reichlich gefrühstückt und einen Gottesdienst besucht hatte, machte sie sich am 6. August 1945 auf den Weg in Richtung Hiroshima. Einer strategisch völlig bedeutungslosen Küstenstadt im Südwesten Japans. Dort zündeten sie 600 Meter über der Stadt mit 350.00 Einwohnern die erste Atombombe, welche 140.000 Menschen das Leben kostete. 70 Jahre später ist Hiroshima ein beliebter Urlaubsort mit 1,187 Millionen Einwohnern.

Wer diesen Ausflug nach Hiroshima im Zusammenhang mit in Bioplastik verpackten Bio-Äpfeln für zynisch und unpassend hält sollte vorsichtig sein und zunächst sein Aktien- und Fonds-Depot überprüfen. Im März 2018 las ich in der Süddeutschen Zeitung, dass auch deutsche Finanzinstitute immer mehr Geld in Firmen investieren, die an der Produktion von Atomwaffen beteiligt sind. Die mit dem Friedensnobelpreis ausgezeichnete Anti-Atom-Kampagne Ican kam im Rahmen einer Studie zu dem Ergebnis, das zwischen 2014 und 2017 weltweit 525 Milliarden Dollar in Atomwaffen-Produzenten durch Banken investiert wurden. 10 Milliarden Dollar kamen aus Deutschland. Der Ican-Studie zufolge wurden 6,6 Milliarden von der Deutschen Bank, 1,2 Milliarden vom Investmentbereich der Allianz und 1,03 Milliarden Dollar durch die Commerzbank in Atomwaffenhersteller investiert. Ican zufolge schlug 2017 auch die genossenschaftliche DZ Bank mit 470 Millionen Dollar im Geschäft mit Atomwaffenherstellern zu. Allein 404 Millionen Dollar flossen in Northrop Grumman, einem US-Rüstungshersteller, der unter anderem Interkontinental-Raketen für das US-Atomwaffenarsenal herstellt. Es wurde auch Anlegergeld aus Publikumsfonds in diese Geschäfte investiert. So könnte es also sein, dass wir unsere Altersvorsorge über atomare Massenvernichtungswaffen aufbauen. So oft können wir in tausend Jahren gar nicht in den Bio-Supermarkt gehen, um Unser Gewissen wieder strahlend grün zu waschen.

Die Botschaft ist einfach.

Die Erhaltung unseres wunderbaren Planeten wird nicht an der Wahlurne und auch nicht im Bio-Markt entschieden. Wer uns die Rettung unserer wundervollen Erde über ein “Weiter so”, nur eben mit grünen Bio Produkten, grünen Technologien und Elektro-Autos verspricht, belügt und betrügt uns. Und wir machen mit, wenn wir es nicht durchschauen wollen oder können.

Es ist scheißegal, ob wir uns einen Ökostrom-Traif buchen mit dem wir uns mit in paar Cent extra unser Gewissen reinwaschen, entscheidend bleibt unser Stromverbrauch. Es ist scheißegal, ob wir versuchen unser Gewissen mit Bioplastik reinszuwaschen. Der unverpackte Apfel, die unverpackte Gurke und der Mehrwegeinkaufsbeutel hätten es auch getan.

Der Kreislauf des Lebens führt hin bis zu unserer Altersvorsorge, denn wir müssen entscheiden, wen wir unser Geld anvertrauen und ob unsere Altersvorsorge nur uns persönlich nützt und womöglich dem Rest der Welt schadet. Wenn wir alle, die auf Facebook, Instagram & Co verschwendete Zeit zusammentragen und ins Erkennen globaler und natürlicher Zusammenhänge investieren, dann ist alles möglich. 

Sogar die Erhaltung unseres wundervollen blauen Planeten.

Plötzlich Bienenretter!

Was für ein Wohltat für das neuentdeckte, persönliche grüne Klimaschützergewissen, wenn man endlich die Strecke, welche man locker laufen, mit dem Fahrrad oder mit öffentlichen Verkehrsmitteln hätte zurücklegen können nun mit einem umweltfreundlichen Elektroauto fahren kann.

Der Ökostromtarif im Haushalt stellt sicher, dass das grüne Gewissen bei grenzenloser Energieverschwendung unangetastet bleibt.

Und im Land der Bienenretter mischt man ganz vorne mit, wenn bei ALDI eine bienenfreundliche Staude erstanden und auf dem Balkon platziert wurde. Auch wenn man nicht so recht weiß, wie man diese pflegt und am Leben hält. Egal!

Ein paar Euro an einen modernen Ablasshändler wie Atmosfair überwiesen und schon ist die Karibikkreuzfahrt getilgt und in eine blütenweiße Öko-Weste gewandelt.

Als Schüler lässt man sich von Mama und Papa von Montag bis Donnerstag mit dem 290-PS-SUV in die Schule bringen und neuerdings am Freitag zum Streik fürs Klima. Greta Thunberg sei Dank!

So wie man früher die Helden, welche Ihr Leben fürs Vaterland hergaben in Kasernen und auf Schlachtfeldern fand, so findet man heute Tierschützer, Klimahelden, Bienenretter, Hambacher-Forst-Aktivisten und Superhelden unterschiedlichster Couleur in den sogenannten sozialen Netzwerken beim aktiven Kampf am 100 % veganen Bio-Smartphone und am Fairtrade-Tablet.

Zum Glück fürs reine Skifahrergewissen ist kaum bekannt, dass die Pisten trotz Naturschnees künstlich mit wasserfressenden Schneekanonen beschneit werden, weil der anspruchsvolle Wohlstandsskifahrer auf diese Weise qualitativ hochwertigere Pisten befahren kann und nur so für die nächste Saison zum Wiederkommen animiert werden kann. Pro Hektar beschneiter Piste sind 3.000 Kubikmeter Wasser erforderlich. Allein in Tirol werden etwa 5.400 Hektar Piste mit Kunstschnee bedeckt, was einen Wasserbedarf von rund 16 Millionen Kubikmeter bedeutet. Eine einzige Propellerkanone verbraucht während der Saison bei ca. 400 Betriebsstunden soviel Strom wie ein vierköpfiger Haushalt in ungefähr 1,5 Jahren.

Schade, dass sich bis heute noch kein Öko-Startup fand, welches Schneekanonen-Ablass-Zertifikate verkauft, um endlich auch den Skiurlaub mit ein paar Euro reinwaschen zu können. Oder anders: Man muss im Januar keine Erdbeeren essen und  auch nicht Skifahren, wenn es keinen Schnee gibt.

Das Mindeshaltbarkeitsdatum ist ein vorgeschriebenes Kennzeichnungselement und legitimiert unsere unglaubliche Lebensmittelverschwendung quasi per Gesetz. 55 Kilo hochwertige Lebensmittel entsorgt jeder Wohlstandsgermane pro Kopf und Jahr in die Mülltonne. 5000 Liter Wasser sind für die Herstellung eines Kilos Käse notwendig. 1600 Liter sind es bei einem Kilo Brot. Wen juckt das schon? War schließlich alles Bio.

Wenn wir nicht endlich begreifen, dass es den Pflanzen und Tieren und auch unserem Klima völlig egal ist, mit welchen Marketingtricks wir Menschen uns gegenseitig belügen, während unser Planet vor die Hunde geht, dann schaufeln wir uns im aufmerksamkeitsgeilen Selfie-Modus unser eigenes Grab. 

So wie es niemals umweltfreundliche Autos geben wird, so kann es keine umwelt- und klimaverträgliche Verschwendung geben. So einfach ist das!

Gier frisst nicht nur an den Börsen dieser Welt Hirn. Gier frisst vor allem unseren Lebensraum, beraubt uns der Luft zum atmen und zerstört gnaden- und ersatzlos unseren wunderbaren Planeten. Es ist allerhöchste Zeit für deutlich mehr Bescheidenheit. Es geht darum, nur das zu verbrauchen, was wir wirklich brauchen. Das ist nicht viel, kann aber so viel bewirken.

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