Der Kontaktexperte

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Schlagwort: Pressefreiheit

Lesen gefährdet die Dummheit

Was Leseproben mit Laufschuhen gemeinsam haben

Franz Schneckenbauer war im Sport noch nie ein Ass und seit seinem vierzigsten Geburtstag geht es mit dem Gewicht steil bergauf. Doch eines Tages entdeckt er durch Zufall im Webshop eines Onlinehändlers das „Wahnsinns-Schnäppchen“ des Jahres:

Asics METARUN Laufschuhe in Schwarz/Gold, statt 250 Euro für sage und schreibe nur 110 Euro.

Der Schnäppchenjäger in ihm ist sofort erwacht, schnell die richtige Größe ausgewählt, ab in den Warenkorb und sofort zur Kasse. Grenzenloses Glück, denn der Expressversand ist auch noch inklusive. Binnen 24 Stunden hält Franz seine funkelnagelneuen „Profi-Laufschuh-Schnäppchen“ in den Händen. Beginnt nun seine späte Läuferkarriere? Findet er nun doch noch zum Sport? 

Die Antwort lautet: NEIN! 

Warum?

Franz wurde vom Schnäppchen-Angebot verführt. Es gab weder Motivation noch Absicht, künftig das Laufen in sein Leben und in seinen Alltag zu integrieren. Morgens war die Zeit zu knapp und Abends war er geschafft von der Arbeit. Es gab keine Gebrauchsanleitung für die Laufschuhe. Es gab niemanden, der Franz aktiv ans Laufen heranführte und ihn solange begleitete, bis der Morgenlauf für ihn zur Routine wurde.

Dieses Szenario ist 1:1 auf die Gewinnung neuer Leser für Zeitungen und Zeitschriften übertragbar. 

In Verlagen wird gerne darüber philosophiert, dass die kostenpflichtige zweiwöchige Leseprobe zum „Alibi-Preis“ von 5 Euro oder das Kurzabo zum Schnäppchen-Preis eine deutlich bessere Qualität aufweisen, als kostenfreie Leseproben. Diese Diskussion führt jedoch am eigentlichen Problem vorbei.

Menschen, die bisher gut ohne Tageszeitung auskamen, haben nicht das „Lese-Ritual“ des langjährigen Abonnenten auf ihrer Festplatte zwischen beiden Ohren installiert. Sie hetzen morgens zur Arbeit und das Print-Produkt bleibt im Briefkasten. Am Abend nimmt man zwar die Zeitung des fast vergangenen Tages mit ins Haus, hat aber keinen Plan, wann und wie diese nun in den jahrelang eingeübten Feierabendablauf zu integrieren ist. So wandert die Zeitung Tag für Tag ungelesen in die Altpapiertonne. Das ePaper wurde nicht ein einziges Mal heruntergeladen und gelesen.

Der Probe- oder Kurzabonnent lernt: ZEITUNG IST NICHTS FÜR MICH.

Die Zeitung entwickelt, genau wie die unbenutzten Laufschuhe, keinen Mehrwert und entfaltet keinen spürbaren Nutzen. Ein engagierter Läufer kauft bald neue Laufschuhe, weil die alten abGENUTZT sind. Der begeisterte Zeitungsleser abonniert seine Lieblingszeitung, um seinem „Lese-Ritual“ zu fröhnen.

Was ist die Botschaft dieser Geschichte im Klartext? Ich bin in meinen Projekten für Verlage immer live am Kunden und in der Praxis an vorderster Abofront aktiv. Dort habe ich folgendes gelernt:

Noch vor zwanzig Jahren war das Zeitunglesen so tief in unserer Gesellschaft verankert und „ritualisiert“, dass  Leseproben oder Kurzabos zum „anfüttern“ auf fruchtbaren Boden fielen. Es folgte in hohen Quoten das Vollabo. Das ist heute ganz anders.

News, Breaking News, Fake News und Co. erreichen die Menschen auf allen Kanälen. Vor allem übers Smartphone. Die Menschen sind gehetzt, gestresst, genervt. Herr Zuckerberg nimmt mehr Einfluss auf die Zeit der Menschen als diese selbst. Die Bildschirmzeiten auf den Smartphones legen dafür  eindrucksvoll Zeugnis ab.

Egal ob Sovendus-Adressen, kostenlose oder kostenpflichtige Proben oder Kurzabos, ohne eine klar definierte Leseanleitung und Lesebegleitung führt der Weg zur Altpapiertonne, statt zum Abo. Deshalb habe ich in meinen Projekten die „unverbindliche Probe“ abgeschafft.  Stattdessen lade ich die Menschen ein TESTLESER zu werden. Testleser erhalten zwei Wochen kostenlos die Zeitung (digital, klassisch gedruckt oder beides) und verpflichten sich moralisch diese, auch wirklich zu lesen. Ich kündige an, dass ich zum Ende der Testlesezeit nachfragen werde, was die Redakteure zwei Wochen lang gut gemacht haben und was sie künftig besser machen sollten. 

Ich frage sofort nach, wann die Testleser morgens das Haus verlassen und wann Sie Feierabend machen. Mich interessiert, ob sie mit dem Auto oder mit der Bahn zur Arbeit fahren und viele Details mehr. Ich suche nach Lesezeit im Alltag des jeweiligen Kunden. Ich ermittle mit dem künftigen Leser gemeinsam wie, wo und wann genau die Zeitung in seinen Tag passt. Diese Details sind entscheidend. Es ist ein Kampf um jeden einzelnen Leser und der Aufwand lohnt, denn ich entdecke mit jedem weiteren Kontakt ein weiteres wichtiges Puzzle Teil hinzu.

So wie Franz Schneckenbauer einen Begleiter braucht, um von der Couch-Potato zum Läufer zu werden, so braucht der Nichtleser und „Internet-Überschriften-Konsument“ einen ehrlichen Begleiter hin zum „Profi-Leser“.

Nur so werden die neuen Laufschuhe mit dem Morast durchnässter Waldwege veredelt und der News-Konsument von der blanken Vermutung zum verbindlichen Wissen geführt.

 

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Was haben Redakteure im Jahre 2019 mit Erich Honecker gemeinsam?

Erich Honecker lebte mit Genossen wie Erich Mielke, Willi Stoph, Günter Mittag & Co. von 1976 bis 1989 in der abgeschotteten und streng bewachten Waldsiedlung Wandlitz bei Berlin. Dort hatten sich die Herrscher des Unrechtsstaats DDR eine seltsame Scheinwelt errichtet.

Während überall im Lande die Mängel der Planwirtschaft deutlich zu spüren waren, ließen sich die Genossen des Politbüros mit Waren aus dem Westen verwöhnen, von einem Stab mit 60 Hausangestellten umsorgen und von etwa 140 bewaffneten Wachleuten beschützen und abschirmen. So lebten Honecker und Konsorten im Paradies und goldenen Käfig zugleich.

Die Entfremdung vom Volk nahm bizarre Formen an und führte direkt in die Massenflucht über Ungarn und Prag, deren Bilder um die Welt ging. „Ich liebe euch doch alle!“ erklärte Erich Mielke am 13.11.1989 in der Volkskammer und gab das Bild eines verwirrten, der Welt entrückten Greises ab.

Wandlitz war eine eineinhalb Quadratkilometer große Wohnsiedlung.Die Redaktionen deutscher Tageszeitungen sind deutlich kleiner, aber nicht selten ähnlich weit vom realen Leben ihrer Leser entfernt.

Jedes Jahr erhält der Abonnent mit der Zuverlässigkeit eines Schweizer Uhrwerks eine satte Preiserhöhung, aber kein Wort dazu aus der Redaktion. Eine immer schlechter werdende Zustellqualität, stellt nur noch lückenhaft sicher, dass das, was man in den Redaktionen schreibt beim Leser überhaupt noch ankommt.

Rechtschreib- und Grammatikfehler finden sich in den Zeitungen, in einer Häufigkeit, die sich kein Realschüler leisten könnte, doch die Redaktionen stehen weiterhin souverän über den Dingen. Statt klare Kante und echtes Profil zu zeigen, entscheidet man sich häufig nur noch für einen inhaltlichen Kuschelkurs um nicht anzuecken. So feiert man sich selbst fernab vom Leben und der Realität der Leserschaft.

Dabei gäbe es so vielfältige Möglichkeiten und erstklassige Chancen mit langjährigen und treuen Lesern in Kontakt zu kommen. Die VertriebsmitarbeiterInnen der Verlage bemühen sich auf schier unermüdliche Weise neue Abonnenten für ihre Zeitung zu gewinnen.

Sie tun diese auf Wochenmärkten, in Einkaufscentren und auf regionalen Messen. Sie könnten dabei jede Verstärkung gebrauchen und es wäre eine große Erleichterung und Hilfe, wenn Redakteure für Gespräche und Rückmeldungen der Leser als Ansprechpartner zur Verfügung stünden.

Doch weit gefehlt. Nicht einmal die größten regionalen Messen, welche zahllose wertvolle Kontaktmöglichkeiten und direkte Rückmeldungen vom Leser an die Zeitungsmacher eröffnen würden, kommen in den Terminplanern der Redakteuren vor.

Doch Leser, die nicht gehört, nicht beachtet und nur als schweigende, zahlende Masse betrachtet werden, können sich jederzeit entscheiden, zu gehen. Das müssen sie nicht über Ungarn oder Prag tun, denn es reicht ein einfacher „Drei-Zeiler“ überschrieben mit „Kündigung“, um für klare Fronten zu sorgen.

Viele dieser Kündigungen wären vermeidbar, wenn man durch interessiertes Zuhören „Druck aus dem Kessel“ nehmen würde. Das ist nicht nur einfach und wirkungsvoll, es hilft auch gravierende Fehler zu vermeiden und schlichtweg zu lernen. Zum Glück haben das die Betonköpfe im SED Politbüro nie verstanden und deshalb ist auch die DDR so herrlich friedlich entschlafen.

Im Schaufenster einer Düsseldorfer Buchhandlung las ich vor geraumer Zeit „Lesen gefährdet die Dummheit!“. Doch dazu braucht es Zeitungsmacher, Redakteure mit Herz und Verstand, die sich nicht in ihren Redaktionen hinter großen Bildschirmen und in realitätsfernen Meetings verschanzen.

Die konsequent dorthin gehen, wo es weh tut und die den Kontakt zu ihren Lesern nicht verlieren und immer wieder beleben. Im Stil einer DDR-Parole ausgedrückt hieße das:„Redakteure an die Front!“

 

 

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