Der Kontaktexperte

Meine Geschäftsreisen, meine Projekte, Wirtschaft, Politik, Gesellschaft

Digitale Businesskasper in analoger Verzweiflung

 

„LinkedIn will das größte Karrierenetzwerk der Welt sein. Tatsächlich ist es vor allem eine internationale Resterampe für traurige Selbstdarsteller. Nirgendwo treten Schaumschlägerei und Selbstbetrug so offensichtlich zutage, findet Florian Gehm“. Schon jetzt haben sich die 4,60 Euro für die Welt am Sonntag Nr. 48 vom 1. Dezember gelohnt. Es folgt eine „Typologie der Narzissten“.

Wunderbar auf den wunden Punkt gebracht, wird „Der Möchtegern“ beschrieben. Der ist selbstredend „Keynote Speaker, Moderator und zukunftsorientierter Querdenker“. Weiter geht es mit der „Verkäuferin“. Sie ist laut ihres LinkedIn Accounts Head of Recruiting. Wahlweise auch Pressereferentin die unwichtige Käseblattredakteure für unwichtige Pressetermine erwärmen muss. Oder Personalchefin, die prekäre Beschäftigungsverhältnisse in der Entsorgungsbranche als großartige Karriere-Opportunity anpreist.“. So köstlich bin ich Sonntagabend schon lange nicht in die neue Trainingswoche gestartet. Auf diese Weise freue ich mich nicht nur auf meine Praxistrainings mit echten Menschen in der realen Geschäftswelt, sondern auch auf die neue „LinkedIn-Woche“.

Bingo! Schon am Montagmorgen, ich genieße um 8 Uhr einen guten Café Crema in einer Ulmer Bäckerei, erreicht mich eine Nachricht aus der LinkedIn-Erfolgswelt. Es schreibt mir direkt aus dem „Social-Media-Kolloseum“ der „Online Marketing Gladiator“:

„Lieber Jörg, LinkedIn schlägt Dich seit mehreren Wochen als neuen Kontakt vor :-). Bei 45 gemeinsamen Kontakten und ähnlichen Interessen, finde ich das eine super Idee. Freue mich, wenn Du meine Einladung annimmst. Lieben Gruß! M.”

Die meisten Gladiatoren im alten Rom waren Sklaven, freigelassene oder verurteilte Verbrecher. Deshalb war ich über soviel Freundlichkeit sehr erstaunt und habe die Einladung schnell angenommen. Die drei Zacken einer Fuscina, können schon sehr überzeugend sein. Jetzt ahne ich zumindest, dass “vernetzen” auf LinkedIn möglicherweise vom Retariusnetz des gleichnamigen Gladiators im alten Rom abgeleitet wurde. Aber da sind ja noch die 45 gemeinsamen Kontakte. Im Sinne Florian Gehms, also 45 Restposten. Der Gladiator und ich mittendrin. Was für ein trauriges Bild.

Ich gönne mir noch einen Espresso und starte in einen lebendigen Trainingstag an vorderster Verkaufsfront. Mit echten VerkäuferInnen und genauso echten Kunden. Die Realität ist nicht immer romantisch, dafür aber echt. Abends im Hotel angekommen, lege ich wie immer meine Laufsachen bereit, weil am Morgen jede Sekunde zählt. Die beste Altersvorsorge ist ja noch immer ein wacher Geist in einem fitten Körper.

Pling! Mein iPhone signalisiert mir, dass eine neue Nachricht meine Aufmerksamkeit fordert.

Enrico aus NRW, seines Zeichens Coach, Personal Trainer, Entrepreneur, Founder und so weiter und so fort, hat mir geschrieben. Er teilt mir mit, dass er Unternehmern hilft endlich wieder schlank und richtig fit zu werden. Enrico will wissen, was er für mich tun kann. Aber woher soll ich das wissen? Also habe ich zurückgefragt, ob ich so dick und unsportlich auf meinem Profilfoto aussehe. Enricos Antwort lässt seither auf sich warten.

Mein wichtigstes Geschäfts- und Lebenspsprinzip lautet: 

“WISSEN STATT VERMUTEN”.

Deshalb habe ich mir in den vergangenen Jahren auch LinkedIn genauer angesehen und hier als Restposten auf der Resterampe höchstselbst aktiv mitgemacht. Doch bevor ich mein Fazit ziehe, muss ich noch kurz in meine LinkedIn-Karriere-Nachrichten schauen.

Wow! Eine Nachricht von einem Globalisierungsexperten. Für mich? Ich kann mein Glück kaum fassen. Er schreibt:

“Hallo Herr Heinicke, wie gehts Ihnen? Wir sind zwar in Xing vernetzt, aber bisher leider ohne konkreten Ansatz. Welche Themen sind für Sie denn interessant, bzw. welche Kontakte wären u.U. wertvoll damit wir in 2020 Synergien finden?  Beste Grüße René G.”

Moment bitte, ich antworte Hern G. gleich noch, denn im weltgrößten Karrierenetzwerk muss man schnell sein, wenn man vorwärtskommen will. 

“Hallo Herr G., es ist mir neu, dass wir in XING vernetzt sind. Das haben Sie bei “copy und paste” Ihrer Nachricht bestimmt übersehen. Wie oft jagen Sie solche Nachrichten in die Welt? Welche Synergien meinen Sie? Mit freundlichen Grüßen Jörg Heinicke”

Abropos Schnelligkeit: Herr G. hat mich jetzt blockiert.

Verdammt, wieder ein wertvoller Kontakt weniger. Was, wenn ausgerechnet Herr G. vom Universum geschickt wurde, um endlich meiner Karriere zum Durchbruch zu verhelfen? 

Wenn ich diesen Blogbeitrag fertig geschrieben habe, “feuer” ich gleich noch ein Dutzend Kontakanfragen raus. Der Kampf um Kontakte und Follower ist auf so einer internationalen Resterampe gnadenlos. Ich habe keine Ahnung, was mit mir und meinen Karriereaussichten geschieht, wenn LinkedIn auf diesen Blogbeitrag aufmerksam wird. Wird mein Account gelöscht? Werde ich von meinen Kontakten bis zum Sankt-Nimmerleins-Tag blockiert und so in die totale Kontaktarmut der digitalen Social-Media-Wüste geschickt?

Und wenn schon! Die Menschen auf den Philippinen verdaddeln statistisch betrachtet 252 Minuten am Tag auf sozialen Netzwerken. Die US-Amerikaner glotzen täglich 124 Minuten auf ihre Smartphones, um sich von Hass, Fake News und Katzenvideos die Meinung bilden zu lassen. Die Chinesen sind ihnen dabei mit 117 Minuten beängstigend dicht auf den Fersen. Mangels Internetverfügbarkeit liegen wir Deutsche mit 64 Minuten abgeschlagen auf dem vorletzten Platz des statistischen Rankings.

Die Japaner leben auch im Bezug auf Social Media sehr gesund und verschwenden auf diese Weise nur 36 Minuten am Tag. Mit Blick auf die enorme Zeitverschwendung der Spitzenreiter erscheint doch der lückenhafte Internetausbau in Deutschland in einem völlig neuen Licht.

Der Redakteur einer namhaften Zeitung verschaffte kürzlich mit folgender Zeile einem Artikel auf LinkedIn bescheidene Aufmerksamkeit: 

“Aufmerksamkeit ist heute die wichtigste Währung…”  

Mein entsprechender Kommentar blieb unbeachtet, denn für ernsthafte Dialoge fehlen Zeit und Aufm…, naja Sie wissen schon:

“Aufmerksamkeit ist keine Währung! Die Gier nach Aufmerksamkeit schafft nur noch mehr Oberflächlichkeit und schadet u.a. Journalismus und Demokratie. Es gab eine Zeit, da konnte man Aufmerksamkeit im Sinne von Konzentration auf Wichtiges verstehen. Heute geht es um Aufmerksamkeitsgeilheit im Sinne von Voyeurismus.”

Angeblich hat das Internet weltweit 4,4 Milliarden Nutzer. Circa 3,5 Milliarden sollen in den sozialen Netzwerken aktiv sein. Manchen genügt es Freitagabend “Nr. 75 Honkong Ente”  per Smartphone in die Welt zu posten. Social-Media-Gladiatoren, Enrico, René und all den anderen Entrepreneuren, Foundern, Keynote Speakern und digitalen Kaffeesatzlesern reicht das nicht. Die posten im Stundentakt direkt von der Restpostenrampe ihre Botschaften in die globalisierte Welt hinaus. Schaut man sich das genauer an, “ernten” sie dafür, wenn es gut läuft, ein paar “Mitleid-Likes” oder einen aus drei Emojis bestehenden Kommentar. Wahrscheinlich von einem ihrer philippinischen Kontakte.

Was für ein gigantischer Haufen digitalen Nachrichten-Mülls! Ob ich da auch noch ein Bildchen, ein Smartphone-Video oder eine Binsenweisheit oben drauf packe oder es einfach lasse, bleibt sich gleich.

Reid Hoffman, Gründer von LinkedIn und Jeff Weiner als CEO hätten ihren Mitgliedern vielleicht genauer erklären sollen, dass man mit Likes und Emojis weder Miete noch Leasingraten zahlen kann, denn oberflächliche 0-8-15-Aufmerksamkeit ist eben keine Währung für die Masse. Früheren Generationen wurde das Märchen “Vom Tellerwäscher zum Millionär” erzählt. Heute sind es die Storys von Haustieren und Teenagern, die als Influencer ganz easy Millionen scheffeln.

Seit jeher ist die erste Million die schwerste.                                               

Der Wegbegleiter dieses Traums bleibt für die allermeisten auch in der digitalen Welt die analoge Verzweiflung.

Lesen gefährdet die Dummheit

Was Leseproben mit Laufschuhen gemeinsam haben

Franz Schneckenbauer war im Sport noch nie ein Ass und seit seinem vierzigsten Geburtstag geht es mit dem Gewicht steil bergauf. Doch eines Tages entdeckt er durch Zufall im Webshop eines Onlinehändlers das „Wahnsinns-Schnäppchen“ des Jahres:

Asics METARUN Laufschuhe in Schwarz/Gold, statt 250 Euro für sage und schreibe nur 110 Euro.

Der Schnäppchenjäger in ihm ist sofort erwacht, schnell die richtige Größe ausgewählt, ab in den Warenkorb und sofort zur Kasse. Grenzenloses Glück, denn der Expressversand ist auch noch inklusive. Binnen 24 Stunden hält Franz seine funkelnagelneuen „Profi-Laufschuh-Schnäppchen“ in den Händen. Beginnt nun seine späte Läuferkarriere? Findet er nun doch noch zum Sport? 

Die Antwort lautet: NEIN! 

Warum?

Franz wurde vom Schnäppchen-Angebot verführt. Es gab weder Motivation noch Absicht, künftig das Laufen in sein Leben und in seinen Alltag zu integrieren. Morgens war die Zeit zu knapp und Abends war er geschafft von der Arbeit. Es gab keine Gebrauchsanleitung für die Laufschuhe. Es gab niemanden, der Franz aktiv ans Laufen heranführte und ihn solange begleitete, bis der Morgenlauf für ihn zur Routine wurde.

Dieses Szenario ist 1:1 auf die Gewinnung neuer Leser für Zeitungen und Zeitschriften übertragbar. 

In Verlagen wird gerne darüber philosophiert, dass die kostenpflichtige zweiwöchige Leseprobe zum „Alibi-Preis“ von 5 Euro oder das Kurzabo zum Schnäppchen-Preis eine deutlich bessere Qualität aufweisen, als kostenfreie Leseproben. Diese Diskussion führt jedoch am eigentlichen Problem vorbei.

Menschen, die bisher gut ohne Tageszeitung auskamen, haben nicht das „Lese-Ritual“ des langjährigen Abonnenten auf ihrer Festplatte zwischen beiden Ohren installiert. Sie hetzen morgens zur Arbeit und das Print-Produkt bleibt im Briefkasten. Am Abend nimmt man zwar die Zeitung des fast vergangenen Tages mit ins Haus, hat aber keinen Plan, wann und wie diese nun in den jahrelang eingeübten Feierabendablauf zu integrieren ist. So wandert die Zeitung Tag für Tag ungelesen in die Altpapiertonne. Das ePaper wurde nicht ein einziges Mal heruntergeladen und gelesen.

Der Probe- oder Kurzabonnent lernt: ZEITUNG IST NICHTS FÜR MICH.

Die Zeitung entwickelt, genau wie die unbenutzten Laufschuhe, keinen Mehrwert und entfaltet keinen spürbaren Nutzen. Ein engagierter Läufer kauft bald neue Laufschuhe, weil die alten abGENUTZT sind. Der begeisterte Zeitungsleser abonniert seine Lieblingszeitung, um seinem „Lese-Ritual“ zu fröhnen.

Was ist die Botschaft dieser Geschichte im Klartext? Ich bin in meinen Projekten für Verlage immer live am Kunden und in der Praxis an vorderster Abofront aktiv. Dort habe ich folgendes gelernt:

Noch vor zwanzig Jahren war das Zeitunglesen so tief in unserer Gesellschaft verankert und „ritualisiert“, dass  Leseproben oder Kurzabos zum „anfüttern“ auf fruchtbaren Boden fielen. Es folgte in hohen Quoten das Vollabo. Das ist heute ganz anders.

News, Breaking News, Fake News und Co. erreichen die Menschen auf allen Kanälen. Vor allem übers Smartphone. Die Menschen sind gehetzt, gestresst, genervt. Herr Zuckerberg nimmt mehr Einfluss auf die Zeit der Menschen als diese selbst. Die Bildschirmzeiten auf den Smartphones legen dafür  eindrucksvoll Zeugnis ab.

Egal ob Sovendus-Adressen, kostenlose oder kostenpflichtige Proben oder Kurzabos, ohne eine klar definierte Leseanleitung und Lesebegleitung führt der Weg zur Altpapiertonne, statt zum Abo. Deshalb habe ich in meinen Projekten die „unverbindliche Probe“ abgeschafft.  Stattdessen lade ich die Menschen ein TESTLESER zu werden. Testleser erhalten zwei Wochen kostenlos die Zeitung (digital, klassisch gedruckt oder beides) und verpflichten sich moralisch diese, auch wirklich zu lesen. Ich kündige an, dass ich zum Ende der Testlesezeit nachfragen werde, was die Redakteure zwei Wochen lang gut gemacht haben und was sie künftig besser machen sollten. 

Ich frage sofort nach, wann die Testleser morgens das Haus verlassen und wann Sie Feierabend machen. Mich interessiert, ob sie mit dem Auto oder mit der Bahn zur Arbeit fahren und viele Details mehr. Ich suche nach Lesezeit im Alltag des jeweiligen Kunden. Ich ermittle mit dem künftigen Leser gemeinsam wie, wo und wann genau die Zeitung in seinen Tag passt. Diese Details sind entscheidend. Es ist ein Kampf um jeden einzelnen Leser und der Aufwand lohnt, denn ich entdecke mit jedem weiteren Kontakt ein weiteres wichtiges Puzzle Teil hinzu.

So wie Franz Schneckenbauer einen Begleiter braucht, um von der Couch-Potato zum Läufer zu werden, so braucht der Nichtleser und „Internet-Überschriften-Konsument“ einen ehrlichen Begleiter hin zum „Profi-Leser“.

Nur so werden die neuen Laufschuhe mit dem Morast durchnässter Waldwege veredelt und der News-Konsument von der blanken Vermutung zum verbindlichen Wissen geführt.

 

Einigkeit & Recht & Feigheit

Der 27.12.1990 war ein Wintertag garniert mit echtem Schmuddelwetter. Während sich die Schneeregenschauer abwechselten stand ich in Rudow (Berlin-West) in einer langen Schlange, um das Begrüßungsgeld für DDR-Bürger entgegenzunehmen.

Endlich hielt ich den begehrten blauen Hundertmarkschein in meinen Händen. In diesem Glücksmoment schien sogar der darauf so grimmig dreinschauende Mathematiker und Astronom Carl Friedrich Gauss freundlich zu lächeln. 

Auf Basis der Empfehlung eines guten Freundes steuerte ich nun einen Schallplatten-Laden in Berlin Kreuzberg an und erwarb dort für 12 D-Mark das damals aktuelle Album von Tears for Fears „The Seeds of Love“. Hinzu kam beim Einkauf in einem nahegelegenen Antiquariat für 6 D-Mark eine gebrauchte Biografie von Willy Brandt, welche ich in den darauffolgenden Tagen mit großer Begeisterung lesend verschlang.

Dass ich ganze 82 D-Mark, also den Löwenanteil des Begrüßungsgeldes sparte, war sicher nicht im Sinne dieses Konjunkturprogramms für den westdeutschen Einzelhandel. Zum Glück für die Bananen- und Unterhaltungselektronik-Händler fiel dabei meine Wenigkeit nicht ins Gewicht. Einhundert D-Mark Begrüßungsgeld machten über Nacht aus gestählten sozialistischen Persönlichkeiten komplette Konsumidioten. Die Konsum- und Wegwerfgesellschaft hatte sie, wie es ein Dealer mit den Junkies tut, erfolgreich angefüttert.

Mit der Währungs- Wirtschafts- und Sozialunion brachen am 1. Juli 1990 die letzten Dämme des in der DDR angestauten Konsumfrusts. Nachdem alle Möglichkeiten des „Eins-Zu-Eins-Umtauschs“ in virtuoser Weise ausgereizt waren, konnte nun endlich auch in gebrauchte und neue „West-Autos“ investiert werden. Der alte DDR-Farbfernseher wich der Marke Grundig und die gute REMA Stereo-Anlage wurde durch eine von Schneider ersetzt. Dass diese Kaufentscheidungen Arbeitsplätze im Unterallgäu sowie in Franken sicherten, aber die in Stassfurt und Stollberg im Erzgebirge gefährdeten, war dabei völlig uninteressant.

Es war der neue Zeitgeist: Zuerst komm ich!

Als irgendwann der eigene Job dran glauben musste, war das Gejammer groß. Sicher hätte die Interessenlage der westdeutschen Wirtschaft mit Hilfe der Treuhand auch bei klügerem Konsumverhalten so manches sanierungsfähige Ost-Unternehmen hinweggefegt. Aber vielleicht wäre es nicht ganz so einfach gewesen. Bei allem verständlichen „Ossi-Konsum-Nachholebedarf“, macht es mich heute, 29 Jahre später, immer noch traurig und fassungslos, wie schnell wir Freiheit in Konsumabhängigkeit tauschten.

Wir standen 1990 an einer historischen Kreuzung und der Weg in die Freiheit lag zum greifen nah offen vor uns. Stattdessen entschieden wir uns für das neue Auto und den Zwang ab sofort dafür Monat für Monat fällige Raten zu leisten. Wir entschieden uns für das neue moderne Haus und dafür, 30 Jahre lang eine Hypothek abzuzahlen. Ausgaben und Ratenzahlungen für allerlei Wohlstandsfirlefanz, immer in der Annahme, dass uns blühende Schlaraffenlandschaften und ewiges Wachstum erwarteten.

Im Arbeiter- und Bauernstaat war im Betrieb kuschen vorm Parteisekretär und der Allmacht der Stasi angesagt. Wer nun Raten abzustottern hatte, kuschte ab sofort ganz marktwirtschaftlich vor allem und jedem, der seinem Job gefährlich werden konnte. Das war das ganze Gegenteil von Freiheit.

Natürlich suchten 1990 die Menschen der ehemaligen DDR Orientierung, Rat und Inspiration bei ihren Landsleuten aus der alten Bonner Republik. Dabei bemerkten wir leider zu spät, dass diese schon längst genau in der Falle steckten, in welche wir gerade tappten. Wir waren den Westdeutschen an Erfahrung im System und an Kapital unterlegen. Leider war uns nicht bewusst, über welchen gigantischen Vorteil wir verfügten:

Wir waren schuldenfrei!

Im Rückblick betrachtet müssen wir uns fragen: waren wir zu gierig oder zu feige einfach zu sagen, dass wir uns die Meinungsfreiheit mit Haut und Haaren, mit Leib und Seele nehmen, aber auf sinnlosen Konsumwahn gerne verzichten? Waren wir zu feige die neu gewonnene Freiheit grenzenlos zu reisen grenzenlos zu nutzen, aber auf die „Fünf-Sterne-All-Inclusive-Pauschalreise“ auf Kredit zu verzichten? Doch diesen, unseren größten Trumpf verspielten wir wie im Rausch leichtfertig, naiv und unbedarft.

Heute erlebe ich zwischen Nord- und Bodensee, zwischen Aachen und Frankfurt/Oder Menschen, die sich fremdbestimmt und ferngesteuert fühlen. Die in einem Job gefangen sind, der ihnen keine Erfüllung bietet oder sie sogar ausbrennt. Von dem sie sich aber nicht lösen können, weil der Zwang ein Minimum an Euros  Monat für Monat irgendwie „einzuspielen“ längst viel zu erdrückend ist. „Je mehr Dinge wir haben, umso mehr haben uns die Dinge.“ las ich einst bei Reinhardt K. Sprenger. „Finanzieller Fehlstart ins Leben“ titelte Spiegel Online im März 2019 und berichtete, dass jeder siebte unter 30-Jährige hoffnungslos überschuldet ist. Frei nach dem Motto: tausche Freiheit gegen Smartphone, Spielekonsole, Flachbildschirm und Tablet.

29 Jahre Deutsche Einheit und 30 Jahre nachdem die friedliche Revolution ganz maßgeblich die Mauer zum Einsturz brachte, stellt sich die Frage: 

Was haben wir aus dieser Chance gemacht?

Neben der Konsumfalle verführen uns mittlerweile digitale Dienste, welche uns vorgaukeln unser Leben smarter zu machen, dazu den verbliebenen Rest unserer Privatsphäre und Freiheit aufzugeben. Man redet uns ein, dass es viel zu mühselig und außerdem out sei im Restaurant mit Bargeld zu bezahlen. Der Abhördienst „Alexa“ könne smarter, als wir es einst konnten, das Licht und unseren Lieblingsradiosender einschalten.

30 Jahre nachdem die Stasi so friedlich und wirkungsvoll zum Teufel gejagt wurde und mutige Bürger die Aktenberge für eine kluge Aufarbeitung sicherten, statten wir völlig bedenkenlos freiwillig unsere Wohnungen und Häuser mit „High-Tech-Abhörgeräten“ aus.

Mit der Frage „Was ist uns wirklich wichtig?“

wünsche ich allen Freunden, Bekannten, Geschäftspartnern und Lesern meines Blogs einen sinnreichen Tag der Deutschen Einheit 2019.

Digitales Harakiri

Die 1200 Kilometer südlich der japanischen Hauptstadt im Pazifik gelegene vulkanische Insel Iwojima war schon immer ein unwirtlicher Ort fernab des Weltgeschehens. Doch das änderte sich 1943 auf dramatische Weise, als die japanischen Streitkräfte der 109. Heeres-Division und Soldaten der Kaiserlichen Japanischen Marine auf Iwojima unter dem Oberbefehl von Generalleutnant Tadamichi Kuribayashi, erbitterten, blutigen Widerstand gegen die vorrückenden US-amerikanischen Truppen leisteten.

Der Blutzoll war extrem hoch. Jeder dritte der im Pazifischen Krieg gefallenen Marines starb auf dieser Insel, fast 7000. Die Zahl der japanischen Gefallenen war dreimal so hoch. Der Legende nach wählte Generalleutnant Kuribavashi den ritualisierten männlichen Suizid Seppuku.

Von dieser Art des Suizids gab es in Japan eine ganze Reihe gruseliger Varianten, wie zum Beispiel Kappuku („Aufschneiden des Bauchs“), Tofuku („Schlachten des Bauchs“), Isame Fuku  (dt. etwa „Suizid aus Protest gegen eine Entscheidung“), Junshi („in den Tod folgen“) bei Gefolgsleuten, die ihrem Herren in den Tod folgten. Die Kamikaze-Spezialangriffstruppe verstanden sich auch im Bushidō-Kodex der japanischen Kultur, Die jungen Piloten sahen es als eine Schande an ihrer Ehre an, vom Feinde gefangen zu werden, und zogen den Tod der Gefangenschaft vor.

Diese rituellen Selbstmorde blieben uns Deutschen bisher eher auf rätselhaft gruslige und exotische Art und Weise fremd. Doch das scheint sich nun im Zuge der Digitalisierung zu ändern. Vor allem Zeitungsverlage entdecken zunehmend die Lust am rituellen Suizid. Männer und Frauen deren Schwert das Wort ist, schlachten in einer bisher unbekannten Lust am Selbstmord ausgerechnet das Produkt ab, mit denen sie den absoluten Löwenanteil ihrer Einnahmen generieren:

die klassisch gedruckte Tageszeitung.

Mit “Print ist tot!” rammen sie sich das Schwert in den eigenen Bauch, um dieses mit “In ein paar Jahren gibt es keine gedruckten Zeitungen mehr” qualvoll in der Wunde zu drehen. Der Profi-Samurai setzt beim Harakiri seinem Leben ein Ende indem er seinen Kopf nach vorne senkt und damit seinem Sekundanten das Signal gibt ihm den Kopf abzuschlagen, um so die Qualen schnell zu beenden.

In der Zeitungswelt ist das der Verkauf von Print-Titeln. DuMont liefert gerade mit dem Verkauf des Berliner Verlags (Berliner Zeitung und Berliner Kurier) ein aktuelles Beispiel für die neue Lust am Print-Suizid. Bereits Anfang 2019 hatte DuMont erklärt, sich von allen Zeitungen trennen zu wollen, weil diese keine Zukunft hätten.

Also Kopf ab!

Die Zeitungsleute ähneln dabei weniger den stolzen Samurai, dafür aber umso mehr den Lemmingen, welche sich von der Klippe in den sicheren Tod stürzen. Bei den Lemmingen handelt es sich jedoch nur um eine nicht zutreffende Legende, bei den Zeitungsmachern um bittere Realität, wie man am Beispiel von DuMont gut erkennen kann. Wer auch nur noch ein gutes Haar an der gedruckten Zeitung läßt, muss ein „Fortschrittsverweigerer“ und „Ewig-Gestriger“ sein. Seit die Erlöse aus dem Anzeigengeschäft mehr und mehr zusammenschrumpften, ist das Abo-Geschäft mit der klassischen gedruckten Tageszeitung die tragende Säule der Zeitungsverlage. Wenn also ein Verlagsmitarbeiter, egal in welcher Position “Print ist Tod”äußert, dann ist das nicht nur Harakiri, sondern auch noch völliger Unsinn auf Basis purer Vermutungen. “Die Zukunft liegt in digitalen Produkten.” mag in anderen Bereichen und Branchen durchaus zutreffen, im Bezug auf die Tageszeitung entspricht eine solche Aussage einfach nicht der Realität und erst recht nicht der Erwartungshaltung der Kunden.

Stellen Sie sich einen Besuch in ihrem Lieblingsrestaurant vor, bei dem Sie der Inhaber mit Handschlag begrüßt, die Speisekarte überreicht und ihnen dabei zuflüstert: “Ich muss Sie warnen, wir haben einen Social-Media-Experten als Koch eingestellt und er kann alles, außer kochen.”

Vor 15 Jahren habe ich mein erstes Projekt bei einem Zeitungsverlag durchgeführt, seitdem sind zahllose Trainings und Projekte in der Verlagswelt zwischen Nord- und Bodensee dazugekommen. Es reicht mir nicht, eine Keynote per Power Point abzuspulen. Ich bin zutiefst davon überzeugt, dass allein durch reden keine Entwicklungen vorangebracht und keine Werte geschaffen werden. Deshalb finden 90 % meiner Aktivitäten bei Verlagen live am Kunden, am Leser, am Abonnenten statt. Also an vorderster Abofront, dort wo Redakteure und andere Entscheidungsträger mit hoher Wahrscheinlichkeit noch nie mit ihren Kunden gesprochen haben.

Was nicht nur sehr schade, sondern auch fahrlässig ist, denn Kunden haben keinen Zutritt zu den Meetings in denen man fernab der Realität, bei Kaffee und Bahlsen-Keksen über Digitalisierung, Disruption, Urban-Pricing, Social-Selling und ähnlichem Modekram philosophiert. Wer direkt und persönlich mit den Menschen in Deutschland zum Thema „Zeitung lesen“ spricht, erfährt dabei, dass ca. 85 – 90 % die klassische gedruckte Variante auf  Papier deutlich bevorzugen.

Nur ca. 10 % wollen auf Tablet, Smartphone & Co. lesen.

Die klassischen Leser verfügen ebenfalls über technische Vollausstattungen und sind keine pauschalen „Technik-Verweigerer“, liefern jedoch viele schlüssige Argumente weshalb sie ihre Zeitung auch weiterhin bevorzugt auf Papier lesen wollen. Eines davon: “Ich starre schon den ganzen Tag im Büro auf einen Bildschirm, dass will ich beim Lesen meiner geliebten Tageszeitung nicht auch noch tun.” Die „Digital-Maßnahmen“ und die Gewichtung zwischen digitalen Aktivitäten und klassischen Print-Aktivitäten laufen in vielen Verlagen Lichtjahre entfernt an diesem Bedarf und an den Wünschen der Kunden vorbei.

Wer nicht hinhört, was seine Kunden wollen, bekommt Probleme oder hat sie schon. Wer als Gastwirt seinem Gast ungefragt ein Schnitzel serviert, muss sich nicht wundern, dass der Vegetarier das Restaurant unzufrieden verlässt und eine entsprechende Bewertung bei TripAdvisor hinterlässt.

Doch wer hat den Mut und das Wissen von der Basis aus dem Strom der Lemminge auszusteigen? Nicht per digitalem Harakiri den Ehrentod zu sterben? Wer hat den Mut wie an der Börse antizyklisch zu handeln und in die klassische gedruckte Tageszeitung zu investieren? Wer hat den Mut PRINT als extrem zeitgemäß zu vermarkten und zu verkaufen?

Gedruckte Tageszeitungen sind wichtiger und zeitgemäßer denn je.

In der digitalen Welt werden fast nur noch die Überschriften überflogen, um sogleich per Kommentarfunktion bei wenig Ahnung viel Meinung abzusondern. Der Leser der klassischen Zeitung hingegen, genießt bei einer guten Tasse Kaffee oder Tee ungestört den gesamten Artikel. Er ahnt zu seinem Glück nicht, welch Abgründe sich in den Kommentarspalten der digitalen Welt auftun. Für ihn ist die gedruckte Tageszeitung mittlerweile eine Art Wellness-Produkt. Manche Leute nennen diese Lesezeit Quality-Time. Technische Geräte, welche Nachrichten per Mail, Whatsapp und anderen Messenger-Diensten empfangen können, sind heute die gefährlichsten Konzentrationskiller. Ständig fordern sie mit unterschiedlichsten Signaltönen unsere Aufmerksamkeit und lenken uns vom Wesentlichen ab.

Das tut eine gedruckte Zeitung nicht. Welch ein Glück! Was für ein Vorteil!

Algorithmen sind die treuen Vasallen der Herrscher in der digitalen Welt und sie nehmen die Leser digitaler Inhalte unmerklich in Gefangenschaft. Nicht grausam in einer dunklen Gefängniszelle, sondern in einer weichgespülten und gemütlichen Filterblase, die uns eine Welt vorgaukelt, wie wir sie uns wünschen. Hier entwickelt die klassiche Zeitung auf Papier einen grandiosen, unschlagbaren Vorteil und Nutzen, denn in ihr kann man lesen, was hoffentlich die besten Redakteure und Journalisten der Region gewissenhaft recherchiert und miteinander in Zusammenhang gebracht haben. Ohne Rücksicht auf Parteien und Anzeigenkunden.

Ganz besonders clevere Redakteure stellen sicher, dass ihre Inhalte nicht in den (a)sozialen Netzwerken geteilt und verbreitet werden, denn was nichts kostet ist nicht nur nichts wert, sondern findet sich bei Facebook und Co. mitten in Fake News und Hass-Kommentaren wieder. Künftige Abonnenten werden so nicht erreicht, dafür Überschriftenleser und frustrierte Social-Media-Wutbürger.

Man muss nicht zum digitalen „Fortschrittsverweigerer“ mutieren, um die gewaltigen Gefahren der digitalen Welt zu sehen. Wer diese jedoch erkennt, weil er sich damit ernsthaft auseinandersetzt, sieht auch die enormen Chancen, welche noch immer in einer klassisch gedruckten Zeitung stecken. Sie ist die augenfreundlichste Alternative zu Fake-News, Hass-Kommentaren und Oberflächlichkeit. Sie ist längst nicht mehr der schnellste Weg der reinen Informationsbeschaffung, aber Sie ist der beste Weg sich in Ruhe mit einer Sache zu beschäftigen, sich die Zusammenhänge zu erschließen und unsere komplexe Welt zu verstehen. Vorausgesetzt die Zeitung wurde von echten Profis gemacht, gedruckt und zugestellt.

Im Schaufenster einer Düsseldorfer Buchhandlung las ich vor einigen Jahren auf einem Plakat: “Lesen gefährdet die Dummheit!” ich aktualisiere es heute so: “Analoges Lesen gefährdet die Dummheit, schützt vor Kurzsichtigkeit im wörtlichen und übertragenen Sinne!”.

Totgesagte leben länger. Es lebe Print!

Thomas Vogel und der König der Binsenweisheiten

Kennen Sie Thomas Vogel?

Er ist weltweite Nummer 1 und steht im Guinness Buch der Rekorde. Meine Damen aufgepasst, denn der Unterhachinger Physiotherapeut ist der schnellste BH-Öffner der Welt. Mit 56 Büstenhaltern pro Minute lässt er seine Konkurrenz blass aussehen.

Mit unglaublichen 22,52 Metern hat sich Thomas Steinhauer im Jahre 2017 den Weltmeistertitel im Kirschkern-Weitspucken gesichert.

Ganz eindeutig, wir leben im Zeitalter der Rekorde. Ein Rekord jagt den nächsten. Das Leben kennt keinen Bereich ohne weltweit führende Nummer 1.

Immobilienpreise, Mieten, Manager-Boni, Niedrigzinsen, Negativzinsen, Umweltzerstörung, Artensterben, Hitze, Wassermangel, Fake News. Alles im Höhenflug! Nach dem Rekord ist unmittelbar vorm nächsten Rekord.

Zeitreise zurück in die Zukunft: 

Am 10. März 1997 startete der Neue Markt mit dem Börsenneuling Mobilcom und dem Ingenieurdienstleister Bertrandt der vom geregelten Markt in das neue Segment wechselte. Bereits Ende 1998 sind 64 Werte mit einem Marktwert von rund 26 Milliarden Euro notiert. Der Neue-Markt-Index legte in Jahresfrist um 174,4 Prozent auf 2.738,64 Punkte zu.

Bereits am 10. März 2000 erreichte der Nemax 50 auf Schlusskurs-Basis sein bisheriges Allzeithoch bei 9665,81 Zählern. Die Marktkapitalisierung der 229 Unternehmen im Nemax All Share belief sich mittlerweile auf 234,25 Milliarden Euro.

Das Ende ist bekannt. Schon am 24.09.2002 hatte der Nemax 50 mit 325,45 Punkten sein Allzeittief erreicht. Am 26. September 2002 war das Spektakel vorbei. Die Deutsche Börse kündigte das Ende des Neuen Marktes bis Dezember 2003 an. Nachdem alle völlig abgehoben und blind vor Euphorie und Gier waren, folgte eine harte Bauchlandung. Das Leben in dieser märchenhaften Scheinwelt endete jäh, als die Blase platzte.

Zurück im Jahr 2019. 

Nehmen wir einmal an, Sie haben fleißig ihren Bausparvertrag bespart. Sie hatten Glück und bekamen auf ihren Alt-Tarif sogar 4 % Guthabenzinsen. Die Bausparkasse ist nun froh, dass ihr Vertrag endlich zuteilungsreif ist und zahlt Ihnen umgehend ihr Bausparguthaben aus. Da Sie dem Euro misstrauen tauschen Sie ihr Guthaben in US-Dollar und verfügen nun über 1,2 Billionen Dollar. Bei Amazon und Zalando wurden Sie nicht fündig und kaufen, da Sie es sich ja leisten können,  kurzerhand alle DAX-Unternehmen. Nun sind Sie Eigentümer der Allianz, von adidas, Bayer, SAP, Volkswagen, Deutsche Bank & Co..

Hätten Sie noch etwas fleißiger gespart, dann wären für fünf Billionen US-Dollar sogar Apple, Microsoft, Boeing, Coca Cola, Chevron, also alle Unternehmen des Dow Jones Index drin gewesen.

Ihr “Sparer-Ehrgeiz” in allen Ehren, aber der Anleihemarkt “spielt” mit 150 Billionen US-Dollar in einer fernen Liga und darf selbst von echten Optimisten als DIE MONSTERBLASE schlechthin bezeichnet werden. Wenn die platzt, bekommen wir alle mehr als nur einen Hörsturz.

Deutschland und die Welt im Jahre 2019.

Auch fernab der Finanzmärkte ist unsere Gesellschaft wieder in einer ähnlich abgehobenen Scheinwelt angekommen wie zur Zeit des neuen Marktes. Es scheint, als lebten wir nicht mehr im realen Leben, dort wo Blumen blühen und das Korn auf den Feldern reift. Dort wo Kinder tausend Fragen stellen und Antworten von lebendigen Menschen erwarten, statt von Wikipedia. Wo herzlich ehrlich gelacht wird und wo man ist wie man ist. Wo der Sommer dem Herbst und der Herbst dem Winter weicht. Unsere Leben finden in der Scheinwelt (a)sozialer Netzwerke statt. Dort gibt es weniger künstliche Intelligenz, dafür aber umso mehr künstliche Menschen. Dort tummeln sich neunzehnjährige Live-Coaches, die per Videobotschaft siebenstellige Einkommensteigerung garantieren, wenn man sie nur ein wenig am persönlichen Mindset herumschrauben lässt.

Trainer, Coaches und Speaker, schaffen es sogar Redakteure und Journalisten in Sachen Aufmerksamkeitsgeilheit in den Schatten zu stellen. Jeder ist die Nummer 1 in irgendwas. Täglich warten sie mit einer anderen bärtigen Binsenweisheit auf. Wahlweise per Podcast oder Smartphone-Video. Im Hintergrund die Villa am Strand. 

Manchmal auch Live aus einem PS-starken Auto heraus. Während sie ihre 0-8-15 Botschaft in die Welt posaunen rauschen sie womöglich achtlos an Kindergärten und Schulen vorbei. Welche Werte schafft so ein König der Binsenweisheiten? Was, außer vielleicht seinem Kontostand, wird dadurch bewegt? Wer übers Verkaufen nur redet, könnte genauso gut übers Wetter sprechen. Der Nutzen wäre gleich. 

Das Thomas Vogel in einer Minute 56 Büstenhalter öffnen kann, sagt ja auch nichts über seine Qualitäten als Physiotherapeut.

“In sieben Schritten zum Millionär!”

“60 % Umsatzsteigerung durch meine Verkaufstexte!”

“Mit diesem Mindset wirst Du die Nummer 1!”

Es fühlt sich an wie fünf Minuten vor dem 26. September 2002. Sprechblasen platzen. Immobilienblasen platzen. Anleiheblasen platzen. Irgendwann. Soviel ist sicher!

Es ist Zeit für Substanz. Es ist Zeit für echte Wertschöpfung und wahrhafte Werte. Wer den ganzen Tag nur mit seiner Online-Selbstdarstellung beschäftigt ist und an seiner “Online-Helden-Saga” bastelt hat keine Zeit mehr selbst zum Kunden zu gehen und verliert den Kontakt zur Realität. Binsenweisheiten aus längst vergangenen Zeiten bleiben wirkungslos, egal wie oft man sie auch hipp aufbereitet in modernen Medien präsentiert. Die Herausforderungen von heute lassen sich damit in der realen “Offline-Wirklichkeit nicht bewältigen. Wer nur noch an seiner fiktiven “Online-Persönlichkeit” feilt, lebt am realen Leben vorbei und kann echten Menschen und Unternehmen bei realen Problemen nicht wirkungsvoll helfen. Wer tagtäglich an neuen Lösungen, frischen Vertriebsideen und Innovationen für die Kunden in der wahren Welt von heute tüftelt, investiert weder Kraft noch Zeit in eine derart selbstverliebte „Social-Media-Schauspielerei“. 

So banal es auch klingen mag:

Von Likes kann man keine Brötchen kaufen  Von Likes kann man keine Gehälter und Rechnungen bezahlen. Und erst recht nicht diesen wunderbaren Planeten erhalten. Das Leben findet auch weiterhin offline statt. Kinder brauchen Eltern, die Zeit und Aufmerksamkeit für sie haben und nicht permanent auf das Smartphone starren. Unternehmen brauchen konzentrierte MitarbeiterInnen und manchmal auch Berater, die wirklich können was sie vorgeben zu können. Ein Verkaufstrainer, der uralte Binsenweisheiten digital wiederkäut, dient nur sich selbst und nicht seinen Kunden und erst recht nicht den Kunden seiner Kunden. Müssen immer erst Blasen und Träume platzen, um wieder solide Bodenhaftung herzustellen?

Jetzt mit biologisch abbaubarer Atombombe fürs Alter vorsorgen

Die auf meinem Ausweis abgedruckte Wohnanschrift ist schon seit vielen Jahren eine rein theoretische Angabe, denn mein Hauptwohnsitz sind ICE und Hotel. Wenn ich von meinen morgendlichen Laufrunden an Rhein, Main, Isar & Co ins Hotel zurückkehre habe ich um die Stille aus dem einsamen Hotelzimmers zu vertreiben ein Ritual entwickelt: das Morgenmagazin von ARD und ZDF einschalten. Werden dann die aktuellen Sportnachrichten von Annika Zimmermann überbracht, erhellen sich selbst graue Herbsttage.

Kürzlich erreichte mich über diesen öffentlich rechtlichen Einstieg in den Tag die außerordentlich frohe Botschaft, dass es jetzt nachhaltiges Einweggeschirr gäbe. So eine grandiose Nachricht, welche zweifellos die Rettung unseres geschundenen Planeten bedeuteten muss, wurde in Form eines Testberichts aus dem ehemaligen Berliner „Grill-Eldorado“, dem Tierpark, ins morgendliche Deutschland ausgestrahlt. Eine Gruppe junger studentischer Nachhaltigkeitsexperten, hatte sich zum Picknick versammelt um diese neue unter anderem aus Palmenblättern hergestellte Errungenschaft der modernen Menschheit auf Herz und Nieren zu prüfen.

So war zu erleben, wie sich junge urbane Wohlstandsmenschen mit der S-Bahn auf den beschwerlichen Weg von ihrer zentral gelegenen Wohnung in die grüne Lunge der Stadt begaben. Nach fünfzehnminütiger Anreise mit der S-Bahn, ließen sie sich zum Picknick auf dem Rasen nieder. Bei einer gefährlichen und vor allem so anstrengenden Anreise hatte sich das neue, ultraleichte und nur „One-Way“ zu transportierende Einweggeschirr schon erstmalig bewährt. Es wäre ja nicht auszudenken gewesen Mehrweggeschirr und Besteck, egal aus welchem Material, im Picknickkorb hin und danach zurück zu schleppen. Entsprechend euphorisch fiel auch nach kurzem Test die Bewertung der revolutionären Nachhaltigkeits-Produkte aus: 

5 Sterne für Wegwerfbecher und Einwegteller aus Palmenblättern. Selbstredend wurde auch das Plastikbesteck mit 5 Sternen bewertet, weil es neuerdings biologisch abbaubar sei.

Was nicht extra erwähnt wurde und deshalb hole ich es hier nach:

5 Sterne für ein weiter so wie bisher!

5 Sterne für unser grün-gewaschenes Gewissen!

5 Sterne für sinnlose Verschwendung, die nun endlich einen grünen Anstrich erhält!

Fragen nach dem Energieaufwand bei der Produktion von biologisch abbaubarem Einwegbesteck, Fragen nach Transportwegen und dem Zeitraum, bis aus Messer, Gabel und Löffel Blumenerde werden, wurden weder gestellt noch beantwortet. Woher kommen die Palmenblätter für diese angeblich so nachhaltigen Öko-Wunderteller? Wurde vielleicht sogar wertvoller Regenwald gerodet, um die Palmenplantage anzulegen? Und wer beamt dieses Ökomaterial Co2 neutral zu uns nach Deutschland?

Plastik steht auf der gleichen Stufe mit Glyphosat. Plastik ist böse. Wer es nicht pauschal verteufelt, muss selbst des Teufels sein.

Ich gehöre dazu, denn als vor 25 Jahren meine älteste Tochter noch ein kleines Kind war, erwarb ich bei einem bekannten schwedischen Möbelhaus buntes Plastikgeschirr, also aus heutiger Sicht betrachtet, verachtenswertes Teufelszeug. Die bunten Becher und die Teller in Blütenform sowie das dazugehörige Plastikbesteck haben uns all die Jahre immer wieder auf Wanderungen und Picknicks treu gedient. Es wurde nach Gebrauch eingepackt, zu Hause gereinigt und bis zum nächsten Ausflug im Schrank verstaut. Die reichlich vorhandenen Gebrauchsspuren interpretierten wir kurzerhand zum „Vintage Style“ um. Kaum etwas ist unsinniger als Einweggeschirr.

Kürzlich lud „Mister Slowhand“ Eric Clapton zum Konzert in die Berliner Mercedes Benz Arena. Mein bester Freund und ich waren selbstverständlich dem Ruf des großen Meisters gefolgt. Es war ein heißer Sommertag und so genehmigten wir uns kurz vor Konzertbeginn ein kühles Bier. Üblicherweise trinkt man bei derartigen Ereignissen den Gerstensaft und andere Flüssigkeiten aus Mehrwegplastikbechern, auf welche ein Pfand erhoben wird. Nicht so in der Arena, welche den Namen dieser sauberen deutschen Autos trägt. Hier wurde Bier aus Grevenstein in Nordrhein Westfalen in einem Einwegplastikbecher kredenzt. Mein Protest, Bier nicht aus einem solchen „Sinnlos-Becher“ trinken zu wollen, wurde mit drei Worten im Keime erstickt:

Maisstärke! Biologisch! Abbaubar!

Doch wie wird „Bioplastik“ abgebaut? Wie lange dauert das und zu welchen Stoffen „zerfällt“ das grüne „Harry-Potter-Zauber-Plastik“? Die Antwort besudelt unser eben noch grüngewaschenes Gewissen mit einer stinkenden Schlamm-Lawine, denn bei der Zersetzung von Bioplastik entsteht vor allem Co2. Was uns hier als unglaublich fortschrittliche Innovation verkauft wird ist purer Betrug.

Etwa bis in die 30er Jahre des vergangenen Jahrhunderts wurden Kunststoffe fast ausschließlich aus nachwachsenden Rohstoffen hergestellt. Erst seit Ende des Zweiten Weltkriegs nutzt man in der Kunststoffherstellung fossile Rohstoffe wie Erdöl oder Erdgas. Die heutigen biobasierten Kunststoffe werden wie schon vorm Krieg aus Stärke hergestelllt. Diese wird aus Mais und Kartoffeln gewonnen.

Der urbane Wohlstandsmensch kann es sich kaum vorstellen, aber dafür braucht es zusätzliche Ackerflächen, diese müssen mit Technik wie zum Beispiel dieselfressenden Traktoren bewirtschaftet werden. Der Mais wurde mit großer Sicherheit gentechnisch verändert und damit alles schön schnell und von Unkraut unbehelligt wächst, kommt jede Menge böses Glyphosat zum Einsatz.

Sogenannte Bioplastik ist also nicht mehr als eine wunderbare Mogelpackung mit der sich der oberflächliche Wohlstandskonsument sein Gewissen in eine Bio-Gewissen umdekorieren darf. Bei der Kompostierung zerfallen viele biologisch abbaubare Kunststoffe nur unter den definierten Bedingungen von industriellen Kompostierungsanlagen, welche für diese Prozesse selbstverständlich auch wieder Energie verbrauchen. 

Im besten Fall wird so nach zwei Jahren aus Bioplastik Co2 und ein bisschen Wasser. Wer das grüne Wunderplastik auf seinen Komposthaufen wirft, braucht Geduld, da hier andere Feuchte- und Temperaturbedingungen herrschen und sie sich hier gar nicht oder nur mit einer deutlich längeren Zerfallszeit zersetzen. Es ist in der Natur so ziemlich alles “biologisch” abbaubar, es ist nur eine Frage der Zeit. Zum Beispiel Jod-131 hat eine Halbwertszeit von acht Tagen. Plutonium-239 zerfällt in 24.390 Jahren und bei Uran-235 dauert es etwas länger, nämlich so um die 4,47 Milliarden Jahre.

“Unabbaubar” scheint nur die Dummheit des mordernen, der Natur entfremdeten Wohlstandsmenschen zu sein. Wer sich also Bioplastik oder andere sogennante nachhaltige Verpackungsmaterialien bereitwillig als einfache Lösung zur Klima- und Umweltrettung unterjubeln lässt, kann auch mit biologisch abbaubaren Atombomben fürs Alter vorsorgen.

Nachdem die US-Amerikanische Bomberbesatzung reichlich gefrühstückt und einen Gottesdienst besucht hatte, machte sie sich am 6. August 1945 auf den Weg in Richtung Hiroshima. Einer strategisch völlig bedeutungslosen Küstenstadt im Südwesten Japans. Dort zündeten sie 600 Meter über der Stadt mit 350.00 Einwohnern die erste Atombombe, welche 140.000 Menschen das Leben kostete. 70 Jahre später ist Hiroshima ein beliebter Urlaubsort mit 1,187 Millionen Einwohnern.

Wer diesen Ausflug nach Hiroshima im Zusammenhang mit in Bioplastik verpackten Bio-Äpfeln für zynisch und unpassend hält sollte vorsichtig sein und zunächst sein Aktien- und Fonds-Depot überprüfen. Im März 2018 las ich in der Süddeutschen Zeitung, dass auch deutsche Finanzinstitute immer mehr Geld in Firmen investieren, die an der Produktion von Atomwaffen beteiligt sind. Die mit dem Friedensnobelpreis ausgezeichnete Anti-Atom-Kampagne Ican kam im Rahmen einer Studie zu dem Ergebnis, das zwischen 2014 und 2017 weltweit 525 Milliarden Dollar in Atomwaffen-Produzenten durch Banken investiert wurden. 10 Milliarden Dollar kamen aus Deutschland. Der Ican-Studie zufolge wurden 6,6 Milliarden von der Deutschen Bank, 1,2 Milliarden vom Investmentbereich der Allianz und 1,03 Milliarden Dollar durch die Commerzbank in Atomwaffenhersteller investiert. Ican zufolge schlug 2017 auch die genossenschaftliche DZ Bank mit 470 Millionen Dollar im Geschäft mit Atomwaffenherstellern zu. Allein 404 Millionen Dollar flossen in Northrop Grumman, einem US-Rüstungshersteller, der unter anderem Interkontinental-Raketen für das US-Atomwaffenarsenal herstellt. Es wurde auch Anlegergeld aus Publikumsfonds in diese Geschäfte investiert. So könnte es also sein, dass wir unsere Altersvorsorge über atomare Massenvernichtungswaffen aufbauen. So oft können wir in tausend Jahren gar nicht in den Bio-Supermarkt gehen, um Unser Gewissen wieder strahlend grün zu waschen.

Die Botschaft ist einfach.

Die Erhaltung unseres wunderbaren Planeten wird nicht an der Wahlurne und auch nicht im Bio-Markt entschieden. Wer uns die Rettung unserer wundervollen Erde über ein “Weiter so”, nur eben mit grünen Bio Produkten, grünen Technologien und Elektro-Autos verspricht, belügt und betrügt uns. Und wir machen mit, wenn wir es nicht durchschauen wollen oder können.

Es ist scheißegal, ob wir uns einen Ökostrom-Traif buchen mit dem wir uns mit in paar Cent extra unser Gewissen reinwaschen, entscheidend bleibt unser Stromverbrauch. Es ist scheißegal, ob wir versuchen unser Gewissen mit Bioplastik reinszuwaschen. Der unverpackte Apfel, die unverpackte Gurke und der Mehrwegeinkaufsbeutel hätten es auch getan.

Der Kreislauf des Lebens führt hin bis zu unserer Altersvorsorge, denn wir müssen entscheiden, wen wir unser Geld anvertrauen und ob unsere Altersvorsorge nur uns persönlich nützt und womöglich dem Rest der Welt schadet. Wenn wir alle, die auf Facebook, Instagram & Co verschwendete Zeit zusammentragen und ins Erkennen globaler und natürlicher Zusammenhänge investieren, dann ist alles möglich. 

Sogar die Erhaltung unseres wundervollen blauen Planeten.

Die deutsche Legende von der Wohnungsnot

Deutschland erstreckt sich über eine Fläche von 357.386 Quadratkilometern. Im Jahre 2017 lebten in Deutschland 82,79 Millionen Menschen verteilt auf 11.054 Gemeinden und 2056 Städte. Wenn also die Gesamtfläche Deutschlands enteignet und verstaatlicht würde, stünden 357.386.000.000 Quadratmeter Land zur Verfügung, um diese auf 82,79 Millionen Bundesbürger zu verteilen. Auf diese Weise würden jedem Bundesbürger ca. 4316 Quadratmeter deutsche Heimaterde, Autobahn, Wald, Wasser, Bahngleise oder ähnliches zugeteilt.

Ob JuSo-Anführer Kevin Kühnert diese gigantische Bodenreform jemals in Angriff nimmt und wann es soweit sein wird, bleibt sein Geheimnis.

Um die Legende der deutschen Wohnungsnot in ihrem gesamten menschenverachtenden Ausmaß erfassen zu können, lade ich Sie ein mich auf eine kurze und ganz persönliche Zeitreise zu begleiten.

Wir reisen zurück in die Jahre 1966 und folgende. Wir reisen in den südlichsten Zipfel des ersten sozialistischen Arbeiter- und Bauernstaates auf deutschen Boden. Wir reisen ins Erzgebirge.

Dort lebte ich mit meiner jüngeren Schwester und meinen Eltern glücklich und zufrieden auf rund 40 Quadtratmetern Wohnfläche. Wir besaßen alles, was wir zum leben brauchten. Das ist keine Verklärung des Unrechtsstaates DDR, sondern einfach nur die schlichte Feststellung, dass der Mensch nur wenig braucht, um glücklich zu sein. Ich habe es erlebt.

Es ist Glück, Zeit für sich, die Kinder, die Eltern und echte Freunde zu haben. Glück ist völlig unabhängig von Automarken, jeglichem Konsum und der Größe unserer Behausung. Wo wohnen einfach nur wohnen ist und nicht zum Statussymbol verkommt, ist das Glück am ehesten zu Hause.

Bevor wir also in unsere Zeitmaschine steigen und zurück ins Jahr 2019 reisen, sei festgehalten: Eine vierköpfige Familie kann auf 40 Quadratmetern Wohnfläche nicht nur überleben, sondern auch glücklich und zufrieden sein.

Bruchlandung im Jahr 2019, was für ein Irrsinn, denn heute beträgt die durchschnittliche Wohnfläche pro Wohlstandsgermanen 46,5 Quadratmeter. Eine vierköpfige Familie würde demnach nüchtern statistisch berechnet eine kaum vorstellbare Wohnfläche von 186 Quadratmetern beanspruchen. Bei Licht betrachtet, wird schnell klar, dass es wohl nur wenige Familien mit zwei und mehr Kindern schaffen, sich unter heutigen Bedingungen und zu heutigen Mietpreisen eine solche Wohnfläche einzuverleiben. 

Demnach können es nur Singles, kinderlose Paare und Schwerreiche sein, die diese unglaubliche Verschwendung von Wohnfläche stetig weiter in die Höhe treiben. 2011 betrug die durchschnittliche Wohnfläche pro Kopf bereits schon irrsinnige 46,10 Quadratmeter. Ein Ende dieser Spirale nach oben ist nicht absehbar. 

Wie abgehoben muss man eigentlich sein, um in diesem Land von Wohnungsnot zu sprechen?

All denen, die zutiefst an die Legende von der deutschen Wohnungsnot glauben, sei empfohlen folgenden Flashmob zu organisieren:

Verabredet euch via Twitter, Facebook und Co. immer zur gleichen Zeit an der selben Bäckereifiliale zum Brötchenkauf. Je mehr Leute mitmachen, umso größer und eindrucksvoller wird der marktwirtschaftliche Effekt sein. Der Bäcker wird vom plötzlichen Ansturm überrascht. 

Ergebnis: Brötchen ausverkauft!

Wiederholt man dieses Spiel nun in entsprechender Regelmäßigkeit, stellt sich der Bäcker auf die hohe Nachfrage ein. Es gibt mehr Brötchen und auch noch zusätzliches Verkaufspersonal unter Umständen wird sogar die Filiale umgebaut. Die Kosten legt der Bäcker auf die Kunden um. Die Brötchenpreise steigen. So wird der “Dauer-Flashmob” vor allem für die “alten’” Stammkunden zum Ärgernis. Früher musste man nur selten Schlange stehen, die Brötchen schmeckten besser und obendrein waren diese auch noch billiger.

Wer also keine Ahnung von Flashmobs oder von einfachen marktwirtschaftlichen Wirkungsweisen hat, will unbedingt da wohnen, wo alle wohnen wollen. Wer also im hippen Szeneviertel wohnen möchte, weil wohnen nicht mehr wohnen, sondern Status ist, darf sich mit all den anderen Wohlstandsmenschen in die Schlange stellen und die Wohnung zur Höchstmiete ersteigern.

Schon höre ich den Protest der armen Studenten, die ausgerechnet dort studieren müssen, wo es besonders hipp und teuer ist.

Man kann zwar zum Beispiel auch in Chemnitz oder Mittweida erstklassig studieren und bekommt dort preiswerten Wohnraum in großer Auswahl, aber in den hippen Kreis der mega coolen Status-Studenten befördert man sich so auf keinen Fall. 

Und noch ein Punkt:

In den Jahren 2007 / 2008 waren in Deutschland 1.941.763 StudentInnen imatrikuliert. In den Jahren 2018 / 2019 sind es nun schon 925.823 StudentInnen mehr, nämlich 2.867.586 StudentInnen.

Muss eigentlich jedes Weichei studieren? Und muss es ausgerechnet dort sein, wo Wohnraum besonders knapp und damit auch besonders teuer ist?

Weichei halten Sie für unangemessen und böse? Ich nicht, denn jeder Dritte bricht sein Studium ab und dafür werden vor allem zwei Gründe angeführt: „Unbewältigte Leistungsanforderungen“ ist der  Hauptgrund (30 Prozent), dicht gefolgt von “mangelnde Motivation” (17 Prozent). Ich finde, dass es deutlich klüger ist, sein Studium dort hinzuschmeißen, wo es wenigstens nicht so teuer ist.

Zum Beispiel in Chemnitz, denn dort erhöht sich weiterhin der Wohnungsleerstand:

Den 133.000 Haushalten standen im Jahre 2017 ca. 157.500 Wohnungen gegenüber (Quelle: Wohngebäuderegister Chemnitz). Im Jahr 2017 erhöhte sich die Zahl der Wohnungen um ca. 500, während die Zahl der Haushalte nur um 70 stieg. 2018 setzte sich diese Entwicklung fort.

Der marktaktive Wohnungsleerstand beträgt ca. 8 % bis 9 % und ist damit der höchste unter deutschen Großstädten.

Hätte man es in den vergangenen 30 Jahren geschafft Chemnitz mit einer ICE Verbindung nach Leipzig auszustatten, könnte man locker mit der Bahn zwischen beiden Städten umweltfreundlich pendeln. So wäre es möglich zum Beispiel in Leipzig gutes Geld zu verdienen, um in Chemnitz preiswert zu wohnen. Eine solche Alternative würde auch die Mietpreissituation in Leipzig entspannen.

Dem CBRE-empirica-Leerstandsindex zum 31.12.2017 kann man entnehmen, dass in den ländlichen Schrumpfungsregionen die Leerstände weiter steigen werden: Außerhalb der Wachstumsregionen haben wir heute schon mehr als 300.000 marktaktive Leerstände, bis 2022 könnte diese Zahl auf mehr als 400.000 ansteigen.

Was für eine unglaubliche Wohnungsnot!

Erinnern Sie sich an den Bäckerei-Flashmob? Vielen Menschen reicht heute ein Notebook mit Internetzugang völlig aus, um arbeiten zu können. Ich finde es völlig in Ordnung, dass der hippe Nerd oder Influencer, welcher unbedingt in Berlin Mitte „arbeiten“ muss, dafür gehörig blecht. Man könnte ja auch in einer preiswerten Wohnung in Sachsen Anhalt das Gleiche tun und dabei fett Kohle sparen.

Wir leben im Zeitalter der gefühlten Wahrheiten, warum also nicht auch im Zeitalter der gefühlten Wohnungsnot. 

Reinhard K. Sprenger schrieb einst: “Wähle was Du tust, dann tust Du immer, was Du gewählt hast.”

Auf die gefühlte Wohnungsnot in Deutschland umgemünzt heißt das: “Wohne wo Du willst und zahle, die fällige Miete für den Wohnort, den Du selbst gewählt hast.”

Klimaschutz

Rettet die Erde! Wählt die Europäische Klimaschutz Partei – EKP!

Nie war es einfacher eine Wahl zu gewinnen, denn alle wollen unser Klima schützen. Es gibt niemanden, der das nicht will. Was für ein gigantisches Wählerpotenzial.

Schüler streiken seit Monaten jeden Freitag um unseren Planeten zu retten. Ihre Eltern und viele andere Erwachsene, ja sogar Politiker, finden das großartig. Wieder andere Klimahelden kaufen sich extra ein E-Auto.

Was für eine riesige Flut an Wählerstimmen!

Seit der Weltbiodiversitätsrat der Vereinten Nationen seinen Bericht zur Artenvielfalt veröffentlicht hat ist klar: Eine Million Arten sind vom Aussterben bedroht! Die Zahl der Arten nimmt drastisch ab und schuld daran ist der Mensch.

Sofort schnellt die Anzahl der artenschützenden Menschen in die Höhe.

Und schon wieder hat sich das Wählerpotenzial für eine echte Klimschutz-Partei wie die EKP deutlich erhöht. Natürlich muss eine wirklich neue und unbelastete Partei für die Weltenrettung antreten. Den etablierten Parteien traut kaum noch jemand die Kraft für grundlegende Veränderungen zu. Die Nähe der Politik zur Autoindustrie, zur Verpackungsindustrie und beispielsweise zum Glyphosat-Konzern Bayer ist einfach zu groß.

Die rechten und linken Chaoten tragen zwar die „unsinnig-lustigsten“ Wahlplakate zum Wahlkampf bei, aber wählbar sind diese Populisten für echte Klimaretter nicht.

Seit Robert Habeck von den Grünen seine Accounts in den (a)sozialen Netzwerken gelöscht hat, erreicht er die streikenden jungen Klimahelden und deren Eltern kaum noch. So ein Pech!

Somit klafft eine riesige “Klima-Lücke” im gesamten europäischen Parteienspektrum. Das ist unsere Chance. Klimaretter aller Länder vereinigt euch!

Unser Parteiprogramm ist von einer kompromisslosen Radikalität zur Rettung der Erde und all ihrer Bewohner geprägt. Es kann keine höhere Mission geben.

Bist Du dabei?

Die wichtigsten Inhalte unseres Programms wird alle Klimaretter der Erde überzeugen und vereinigen. Die Kernpunkte sind:

  • Alle Bundesbürger müssen ab sofort klimaneutral wohnen. Das erfordert eine staatlich überwachte Zuweisung von Wohnraum. Pro Erwachsenen werden nur noch 12 Quadratmeter und pro Kind 6 Quadratmeter Wohnraum genehmigt. Das gilt auch für Eigentümer. Die Heizungsanlagen werden entweder zentral oder durch den Bezirksschornsteinfeger auf eine Raumtemperatur von 17,5 Grad Celsius eingestellt und verplombt. Ab einer Außentemperatur von 18 Grad Celsius werden alle Heizungsanlagen in Deutschland abgeschaltet.
  • Ab sofort wird ein Flugvertbot für alle zivilen Flüge verhängt. Flughäfen werden zu Wohn- und Altenheimen u.ä. umgebaut.
  • Die Autoindustrie wird verstaatlicht. Die Produktion von Fahrzeugen  mit Verbrennungsmotoren eingestellt. Die Produktion von E-Autos wird auf ein Minimum reduziert. Bis die Produktion von Brennstoffzellen auf Wasserstoffbasis serientauglich anglaufen ist, werden Autos für den privaten Gebrauch nur noch im Rahmen eines Car-Sharing-Systems zur Verfügung stehen. Durchschnittlich 8 Bundebürger werden sich ein Fahrzeug teilen und über entsprechende Apps Fahrgemeinschaften organisieren.
  • Öffentliche Verkehrsmittel stehen ab sofort allen Bundesbürgern kostenfrei zur Verfügung. Für die Nutzung der Bahn-Fernstrecken, kann jeder Bundesbürger ab sofort eine BahnCard 100 zweiter Klasse für 99 Euro pro Jahr erwerben und die BahnCard 100 für die erste Klasse kostet 14.950 Euro pro Jahr.
  • Smartphones, Tablets usw. werden künftig durch die Bundesanstalt für Post und Telekommunikation zugeteilt. Jeder Bundesbürger hat alle 7 Jahre Anspruch auf den Erwerb eines neuen Smartphones bzw. Tablets.
  • Derzeit werfen die Bundesbürger pro Jahr und Kopf 50 Kilogramm wertvolle Lebensmittel weg. Deshalb erfolgt ab sofort die Zuteilung aller Lebensmittel per Barcode aufs Smartphone. Die Rationierung wird nach Alter und Gewicht im Zentralrechner des  Bundesministeriums für Ernährung und Landwirtschaft in Zusammenarbeit mit den Krankenkassen individuell auf den jeweiligen Mindestbedarf des einzelnen Bürgers berechnet. Wer über die berechnete Ration hinaus Lebensmittel erwerben möchte, muss einen entsprechenden Antrag stellen.
  • Einweg- und Plastikverpackungen aller Art werden mit sofortiger Wirkung verboten. Jeder volljährige Bundesbürger kann sich in den Gemeinde- und Stadtverwaltungen gegen Vorlage des Personalausweises zwei Öko-Einkaufstaschen abholen.
  • Die Einfuhr von nicht lebensnotwendigen Waren wird mit Strafzöllen von 100 % belegt.
  • Kreuzfahrten werden mit sofortiger Wirkung verboten. Alle Kreuzfahrtschiffe werden stillgelegt bis deren klimaneutraler Antrieb möglich ist. In den Skigebieten werden mit sofortiger Wirkung Schneekanonen u.ä. verschrottet.
  • Die Rüstungsindustrie wird verstaatlicht. Bis zum Abschlulss eines weltweiten Total-Abrüpstungsabkommens wird die Produktion auf ein Minimum reduziert und danach komplett eingestellt.
  • Der Abbau von Braunkohle wird mit sofortiger Wirkung eingestellt. Sämtliche Braunkohlekraftwerke werden geschlossen. Die Bundesbürger bekommen über eine saatliche Energieagentur künftig ein limitiertes Energiebudget bestehend aus Gas, Strom und Trinkwasser zugewiesen. Die Einhaltung der Budgets wird streng überwacht. Eine Zukauf von Strom, Gas oder Trinkwasser über das jeweilige Limit hinaus ist ausgeschlossen.
  • Sofortige Abschaffung des Bargeldes und Totalüberwachung des Konsumverhaltens aller Bürger. Neben der Zuteilung von Nahrungsmitteln, wird künftig auch Kleidung auf den Mindestbedarf rationiert. Kreditkarten, PayPal-Konten, Apple-Pay usw. werden nach erreichen des persönlichen Limits für den Erwerb entsprechender Produkte gesperrt.

Sicher werden noch weitere drastische Maßnahmen nowendig sein, um die Rettung unseres Klimas und unseres wundervollen Planeten sicherzustellen, aber mit diesem ersten wichtigen Maßnahmenpaket werden wir die Herzen aller Klimaretter im Sturm erobern.

Der Wahlsieg wird unser sein. Die Zukunft gehört uns.

Es lebe der aktive Klimschutz ohne Wenn und Aber. Es lebe die Erde.

Wer ist mit dabei? Wer gibt uns seine Stimme?

Die Zeit der Lippenbekenntnisse ist vorbei! Bekundet Eure Solidarität und Zustimmung hier in den Kommentaren. Auf gehts!

Future

Disruptive Showmaster mit künstlicher Intelligenz

Echte Macher, wahre Unternehmer, anpackende Pragmatiker und coole „Ärmelhochkrämpler“ halten es mit der Zukunft so wie es Abraham Lincoln wunderbar treffend auf den Punkt brachte:

„Das Beste an der Zukunft ist, dass sie uns immer einen Tag nach dem anderen serviert wird.“

Wer im HIER und HEUTE etwas von Bedeutung zu sagen, zu bieten und zu tun hat, der hat weder Zeit noch die Motivation permanent von irgendwelchen Zukunftsvisionen zu faseln. Wer im HIER und HEUTE etwas Abrechenbares für seine Kunden, Geschäftspartner, Freunde, Familie und unsere Gesellschaft leistet, muss nicht in die Ferne schweifen und Geschichten aus der Kristallkugel erzählen.

Wer im HIER und HEUTE nichts Zählbares auf die Habenseite der Wertschöpfung einzahlen kann, muss sich zwangsläufig als moderner Wahrsager und digitaler Kaffeesatzleser in Szene setzen.

An Sprüchen wie: „So geht Zukunft…“ oder „Alles was digitalisiert werden kann, wird digitalisiert.“ kann man diese pseudodisruptiven Neuzeit-Orakel gut erkennen.

Auf den Profilfotos ihrer Accounts in den (a)sozialen Netzwerken tragen sie gern ein Mikrophon oder Headset zur Schau. Da sie scheinbar kaum etwas anderes zu tun haben, „sülzen“ sie irgendwelchen dahingestammelten Blödsinn per Smartphone-Video in die Welt und lassen sich mit Standard-Floskeln ihrer oberflächlichen Follower feiern.

Eine Profilerin mit seltsamer Frisur, scheint den im Jahre 2002 in Berlin verstorbenen Horst Wendland, Produzent der Edgar Wallace Filme aus den 1960er Jahren, wiederbelebt zu haben. Diese Dame stellt Schwarz-Weiß-Grusel-Videos mit Führungs-Binsenweisheiten ins Netz und erzielt damit irren Erfolg oder mindestens unglaubliche Reichweiten.

Das Schein-Erfolgsrezept lautet:

Mach irgendwas mit New Work und Disruption. Natürlich dürfen Begriffe wie Digitalisierung und Transformation nicht fehlen. Extrem wichtig ist ein Expertenstatus in Sachen künstlicher Intelligenz. Wichtig ist das Profilfoto mit Mikrofon. Am besten so ein kleines Mini-Mikrofon, denn dieses gilt als sicherer Beweis dafür, dass man zu den Top Keynote Speakern gehört. Poste ab und zu einen Screenshot von deinem millionenschweren Google AdSense Account, der beweist, dass Du zu den ganz großen Fischen im digitalen Teich gehörst. Und ganz besonders wichtig sind die Smartphone-Videos in denen man einfach so drauflos labert, ohne zu wissen, was man eigentlich sagen wollte. Bei Smartphone-Selfie-Videos hilft nur eine Strategie: Viel hilft viel! Hau die Dinger raus. Am besten jeden Tag eins. 

Während sich die disruptiven Digital-Transformierer in den (a)sozialen Netzwerken gegenseitig „zumüllen“, laufen die Dinge in der realen Welt deutlich langsamer, dafür aber beständig. Vielleicht werden wir in 20 Jahren von autonom fahrenden Autos ins Büro oder durch den Stadtverkehr zum Flughafen gebracht? Sicher ist, dass dann immer noch  ein Pilot aus Fleisch und Blut im Cockpit des Flugzeugs sitzen wird. 

Und es ist weder schlimm noch ungewöhnlich, dass es noch so lange dauert, bis die digitalen Märchen von heute wahr werden, denn machen, forschen, entwickeln und reale Werte schaffen ist nun einmal deutlich anstrengender und zeitintensiver als Keynotes zu „speaken“.

Disruptive Selbstzerstörung kann der Theoretiker leicht und schmerzfrei predigen. Es am eigenen Leib in die Tat umzusetzen ist alles andere als ein vergnüglicher Modetrend.

Wer wenig bis nichts im HIER und JETZT zu bieten hat, muss zwangsläufig in zukunftsferne unüberprüfbare Sphären ausweichen.

Wer heute ein gutes Brot gebacken hat. Wer heute einen jungen Menschen vom Sparen überzeugte. Wer heute einer alten Dame seinen Sitzplatz in der überfüllten Straßenbahn überließ. Wer heute ein gutes Buch oder eine gute Zeitung las und sich Zeit für Details und Zusammenhänge nahm, der hat mehr für unsere Zukunft getan, als alle digitalen Showmaster zusammen. 

Die Zukunft wird frei nach Lincoln Tag für Tag im HIER und JETZT gestaltet. Am besten mit Blick auf die Menschen, auf die Erhaltung der Natur und unseres Planeten.

Ossi und Wessi

Der westdeutsche Demokratie-Experte & der braune Ossi

Menschen die nicht auf dem ersten Blick als echte Germanen zu erkennen sind müssen sich in Deutschland immer wieder aufs Neue erklären:

„Wo kommen Sie eigentlich her?“ 

„Seit wann sind Sie in Deutschland“ 

Manchmal erntet der hier geborene und in Berlin aufgewachsene Türke ein gut gemeintes Lob von oben herab: „Sie können aber schon gut Deutsch.“

Mein Malus ist nicht schwarzes Haar oder dunkle Haut, sondern mein Sächsischer Dialekt. Dieser stempelt mich klar zum Ostdeutschen und das wiederum automatisch zum demokratiefernen, in der kommunistischen Diktatur sozialisierten Verweigerer westlicher Werte.

Wenn ich vor 2018 auf die Frage „Von wo aus dem Osten kommen Sie?“ antwortete: „Aus der Nähe von Chemnitz.“ erntete ich ein Achselzucken, da bei vielen Menschen aus dem goldenen Westen, dieser in Dunkeldeutschland liegende Ort mit fast 250.000 Einwohnern, gänzlich unbekannt war.

Als Ostdeutscher muss ich mich nun seit 2015 gegenüber gewissen demokratischen Übermenschen aus den gebrauchten Bundesländern verstärkt erklären, kein AfD-Wähler oder schlimmer noch bekennender Nazi zu sein. Als Sachse muss ich dies mit besonderer Inbrunst und Überzeugungskraft tun, um bei den demokratischen Moralwächtern aus dem Westen, noch als demokratietauglich eingestuft zu werden. 

Als in der Nähe von Chemnitz wohnender Sachse, habe ich jedoch seit den Ereignissen vom Sommer 2018 keine Chance mehr, eine demokratische Gesinnung durch westdeutsche Demokratie-Inhaber attestiert zu bekommen. Für diese selbst ernannten Demokratie-Wächter steht seither unumstößlich fest: Ostdeutsche sind Nazis. 

Sich selbst feiert er als Inhaber der ultimativen demokratischen Wahrheit, denn wer auf der RICHTIGEN Seite des geteilten Deutschlands mit Dr. Oetker Pudding, Milka Schokolade und der Sendung mit der Maus aufwuchs hat das RICHTIGE und PERFEKTE Demokratieverständnis bereits in frühester Kindheit mit der Müller Milch aufgesogen. Alles Müller oder was?

Ein „nickelbebrillter“ Demokratieexperte aus den gebrauchten Bundesländern schlug mir kürzlich die Wahlergebnisse der AfD in den neuen Bundesländern um die Ohren. Diese seien doch Beweis genug dafür, dass bei den Ossis in Sachen Demokratieverständnis alles zu spät sei. Und so ein waschechter Experte mit intellektuellem Hintergrund hat auch sofort eine schlüssige Erklärung zur Hand:

Die Sozialisierung in der DDR!

Der westdeutsche Demokratie-Inhaber hat keinen Tag in der DDR gelebt, hat sich offensichtlich keine Sekunde mit dem System und dem Leben der Menschen in diesem Unrechtsstaat beschäftigt und urteilt mit der Oberflächlichkeit des Wohlstandsgermanen zielsicher an der Sache vorbei. Das ist auch sehr verständlich, denn so ist es für seine „Besser-Wessi-Seele“ deutlich bequemer und vor allem einfacher. Einfache Gemüter brauchen einfache Erklärungen.

Ich lebe seit 1990 ein selbstbestimmtes und freies Leben als Unternehmer, kenne jeden Winkel dieses Landes und habe überall und völlig unabhängig von Himmelsrichtungen ganz wunderbare, kluge, reflektierte, freundliche und offene Menschen kennengelernt. Viele wurden zu langjährigen Geschäftspartnern und Freunden. Dieses Glück habe ich mir hart erarbeitet und mit eisernem Durchhaltevermögen erkämpft. 1990 und die folgenden Jahre setzte der arrogante Besser-Wessi den sächsischen Dialekt mit Dummheit oder mindestens mit Einfältigkeit gleich. Heute gilt der Sachse per se als braun und rechts.

Damit hier kein Missverständnis aufkommt: Extremisten, ob rot oder braun, müssen mit allen zur Verfügung stehenden demokratischen Mitteln bekämpft werden. Kommunistischen und faschistischen Menschenfeinden darf keine handbreit unseres wunderbaren Heimatlandes überlassen werden.

Doch für die überheblichen westgermanischen Demokratie-Experten gilt: Beschäftigt euch mit den Menschen im Osten eurer Heimat. Schaut euch genau an, wie oft sie nach 1990 von Arbeitgebern, Vermietern, Richtern, Anwälten, Journalisten, Politikern, Beamten und Blendern aus den gebrauchten Bundesländern nach Strich und Faden beschissen und belogen wurden. Lasst Euch berichten wie oft die Menschen in den neuen Bundesländern von Halunken aus den gebrauchten Bundesländern mit westdeutscher Arroganz von oben herab wie Idioten behandelt wurden.

Wenn ihr euch nur ein klein wenig Mühe gebt und eure arrogante Oberflächlichkeit als ultimative Demokratie-Inhaber gegen wahrhaftes Interesse tauscht, dann werdet ihr ganz schnell verstehen, dass nicht die Sozialisierung in der DDR zu zweistelligen Wahlergebnissen der AfD führte, sondern westdeutsche Lügen und Arroganz, Überheblichkeit, unzählige gebrochene Versprechen, zahllose Ungerechtigkeiten und euer eigenes DemokratieUNverständnis.

Wenn der westdeutsche Demokratieexperte die Wahlergebnisse der AfD als Beweis für die Demokratieunfähigkeit des Ostdeutschen heranzieht, führt er sich selbst ad absurdum, denn mag es uns gefallen oder nicht, aber die AfD ist eine demokratisch legitimierte Partei. Wer die Wähler dieser Partei pauschal, plump und arrogant von oben herab als Feinde der Demokratie oder gar Nazis beschimpft, erweist unserer demokratischen Grundordnung einen Bärendienst und outet sich selbst als „Demokratie-Problemfall“.

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